Studien belegen: Ein effektiver Weg, Kreativität anzuregen, ist es, den Gedanken freien Lauf zu lassen – ohne Urteil. Doch die Wissenschaft zeigt, warum das leichter gesagt als getan ist.
Im Jahr 2010 untersuchten Forscher der Harvard University, wie Menschen Gedankenwandern erleben. Sie unterbrachen Probanden zu zufälligen Zeiten per SMS an gesammelten Mobilnummern – mit Einwilligung. Über 2.250 Erwachsene antworteten.
Die SMS enthielten Fragen wie: „Was tun Sie gerade?“ mit Antwortoptionen von 1 bis 22 für Alltagsaktivitäten wie Spazierengehen, Arbeiten, Hausarbeit oder Sex. (Bemerkenswert: Beim Sex schweiften die Gedanken am seltensten ab – die Teilnehmer waren voll präsent.)
Bei vielen anderen Aktivitäten sah es anders aus.
Im Schnitt wandern unsere Gedanken 47 % der Zeit ab.
Schlüsselbefund: Außer beim Sex schweiften die Gedanken der Probanden durchschnittlich 47 % der Zeit ab.
„Die Häufigkeit von Gedankenwanderungen war in dieser realen Umfrage deutlich höher als in Laborexperimenten“, hieß es in der Studie. „Überraschend: Die Aktivität hatte nur geringen Einfluss darauf.“
Gedankenwandern ist natürlich – es verbindet Ideen, ermöglicht „Zeitreisen“ in Vergangenes und Zukunft. Ein menschliches Phänomen, das Tieren fehlt.
So natürlich es ist, macht es uns unglücklich.
Der Twist: Zuerst fragten die Harvard-Forscher nach der Stimmung (Skala 0–100: „sehr schlecht“ bis „fantastisch“). Später nach Aktivität, Abschweifen und Thema (angenehm, neutral, unangenehm).
In der Hälfte der Fälle wanderten Gedanken zu angenehmen Themen – ohne Glücksboost. Bei neutralen oder unangenehmen Themen sank die Stimmung jedoch.
„Fazit: Ein wandernder Geist ist ein unglücklicher Geist“, schrieben die Forscher. „Das Denken über das Nicht-Gegenwärtige ist eine kognitive Stärke mit emotionalen Kosten.“
Wir meiden es – sogar mit Schocks.
Eine 2014-Studie bestätigt: Allein mit Gedanken fühlen wir uns unwohl. Probanden in einem Raum mit Schockknopf entschieden sich lieber für Stromstöße als 15 Minuten Stille.
67 % der Männer und 25 % der Frauen drückten den Knopf – trotz vorheriger Aussagen, sie würden dafür zahlen.
Viele vermeiden Abschweifen durch ständige Ablenkung: Gespräche, Streaming, Nachrichten. So schweben wir oberflächlich, verpassen tiefe Selbsterkenntnis und Kreativität.
Was bedeutet das für Kreative?
Kreative lernen, bewusst und urteilsfrei zu wandern. Ideen aus dem Unterbewussten steigen auf – ohne Angst vor Sorgen. In der Kreativität ist Furcht kein Helfer.
Angepasst mit Genehmigung aus INSPIRIERT: Kreativität verstehen – Eine Reise durch Kunst, Wissenschaft und Seele von Matt Richtel. Copyright © 2022 Matt Richtel. Von Mariner Books, einem Imprint von HarperCollins Publishers.