Die Wiesen summen nicht mehr, unsere Gärten werden still. Wir haben mit Prof. Dave Goulson, Professor für Biologie an der University of Sussex, gesprochen. Als renommierter Experte mit fast 30 Jahren Forschung zu Hummeln und Gründer des Bumblebee Conservation Trust weiß er genau, warum Insektenpopulationen rückgehen – und wie wir sie retten können.
Dave Goulson ist seit Jahrzehnten von Insekten fasziniert. Er hat den Bumblebee Conservation Trust gegründet und mehrere Bestseller veröffentlicht, darunter sein aktuelles Werk Silent Earth: Averting The Insect Apocalypse (£20, Jonathan Cape).
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Warum sind Insekten essenziell für das Ökosystem?
Insekten bilden den größten Teil der Artenvielfalt auf der Erde – mehr als zwei Drittel aller bekannten Arten. Vögel, Fledermäuse, Reptilien und viele Fische hängen von ihnen als Nahrungsquelle ab. Ohne Insekten wären sie verloren.
Darüber hinaus leisten Insekten unverzichtbare Ökosystemdienste: Maden und Mistkäfer recyceln Abfall und halten Nährstoffkreisläufe am Laufen. Sie sorgen für gesunden Boden, verteilen Samen und bestäuben Pflanzen. Rund 87 Prozent aller Pflanzenarten weltweit benötigen Tierbestäubung – meist durch Insekten. Ohne sie käme das Leben auf der Erde zum Stillstand.
Warum sterben Insekten aus?
Mehrere Faktoren wirken zusammen. Der größte ist der Verlust natürlicher Lebensräume: Wälder, Heidelandschaften, Moore und blumenreiche Wiesen werden durch Städte und Monokulturen ersetzt – weltweit, besonders durch Entwaldung in den Tropen.
Der zweite Hauptgrund: Pestizide in Landwirtschaft, Gärten und Städten. Hinzu kommen invasive Arten, Klimawandel und Lichtverschmutzung. Es ist ein perfekter Sturm, dem Insekten kaum standhalten können.

Wo sind die Insektenspritzer auf der Windschutzscheibe hin?
Viele erinnern sich: Früher war die Scheibe nach Autofahrten überzogen mit Insektenresten. Heute nicht mehr. Eine Studie des Kent Wildlife Trust widerlegt die These aerodynamischer Autos: Sogar Oldtimer zeigen kaum Spritzer. Der Insektenrückgang ist real und spürbar.
Geht es Insekten weltweit schlecht?
Langzeitdaten stammen hauptsächlich aus Europa und Nordamerika. Aus Tropen fehlen sie weitgehend – besorgniserregend, da dort die höchste Vielfalt herrscht. Erste Studien deuten auf massive Rückgänge hin, verursacht durch Habitatverlust und Klimawandel.
Was passiert ohne Insekten?
Ernten von Obst und Gemüse würden einbrechen, Bodendegradation beschleunigen sich, Nährstoffkreisläufe stocken. Ein Beispiel aus Australien: Ohne passende Mistkäfer bedeckten Kuhfladen 15.000 km² Land, Gras wuchs nicht mehr. Importierte Käfer lösten das Problem – ein Beweis für die unsichtbare, aber entscheidende Rolle von Insekten.
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Wie viele Insektenarten warten noch auf Entdeckung?
Wir kennen rund 1,1 Millionen Arten, täglich kommen neue hinzu. Schätzung: 4-5 Millionen unentdeckte – wir haben erst 20 % benannt.
Was können wir täglich tun?
Insekten leben in Gärten, Parks und an Straßenrändern. Kleine Maßnahmen wirken: Pflanzen Sie bienenfreundliche Blumen, Wildkräuter und blühende Bäume. Bauen Sie Teiche oder Insektenhotels. Vermeiden Sie Pestizide, mähen Sie seltener. In Großbritannien umfassen 22 Millionen Gärten ein gigantisches Netz potenzieller Refugien.

Warum Insekten lieben lernen – auch Wespen und Mücken?
Wespen bestäuben und bekämpfen Schädlinge wie Blattläuse. Doch nicht alles muss nützlich sein. Insekten haben seit Millionen Jahren ein Recht auf Existenz – wie wir. Toleranz und Wertschätzung der Natur sind gefordert. Dieses einzigartige Leben auf unserem Planeten ist zerbrechlich und wunderschön – wir müssen es schützen.
- Erstveröffentlichung: Oktober 2021 im BBC Science Focus Magazine – Abonnieren Sie hier
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