Als Paläontologe mit jahrelanger Erfahrung in der Dinosaurierforschung stand ich vor ein paar Jahren in der Lobby eines Berliner Hochhaushotels, als mir ein Mann auf die Schulter tippte. Mit starkem russischen Akzent führte er mich in den Aufzug und zu seinem Zimmer. Aus einer Reisetasche holte er einen kunstvoll gefärbten Karton hervor und überreichte ihn mir. Vorsichtig öffnete ich den Deckel: Darin lag ein versteinerter Knochen von der Größe einer Grapefruit – das hintere Ende eines Dinosaurierschädels.
„Seien Sie vorsichtig mit dem Fossil, aber noch vorsichtiger mit der Kiste. Das ist eine sowjetische Kiste. Die machen sie nicht mehr so“, sagte Alexander Averianov mit verschmitztem Grinsen, während er eine Flasche Cognac herausholte, um auf die Übergabe anzustoßen.
Averianov, einer der führenden Paläontologen Russlands und mein langjähriger Kollege, hatte diesen Fund fast ein Jahrzehnt zuvor in der usbekischen Kyzylkum-Wüste geleitet – einer Region, die einige der besten Kreidezeit-Fossilien der Welt liefert. Ein Crewmitglied hatte den Schädelfragment aus den Dünen geborgen und in die robuste Kiste gepackt. Dort ruhte er Jahre lang, bis Averianov Klarheit schaffen wollte: Es handelte sich um die verschmolzene Knochenstruktur um Gehirn und Ohr, doch zu welcher Art gehörte es? Wie verhielt sich dieses Tier? Um das zu entschlüsseln, musste man ins Innere blicken – ins Gehirn.
Deshalb übergab er mir das Fossil für eine CT-Analyse in meinem Labor an der University of Edinburgh. CT-Scans, die gleiche Technik wie in der Medizin, sind für Paläontologen heute unverzichtbar wie Hammer und Meißel. Sie ermöglichen es uns, unverändert in Schädle hineinzuschauen, Gehirne und seltene innere Strukturen zu visualisieren und so die Intelligenz sowie sensorischen Fähigkeiten längst ausgestorbener Dinosaurier zu verstehen – als lebende, denkende Wesen.
Schädelscannen revolutioniert die Paläontologie
1912, nach der Entdeckung der ersten Tyrannosaurus rex-Skelette, wollte Henry Fairfield Osborn, der Namensgeber, wissen, wie ein solches Riesenbiest lebte. Das Gehirn war der Schlüssel. Da Gehirngewebe nicht fossilisiert, hoffte er, durch die Gehirnhöhle – den einstigen Raum des Gehirns – Einblick in Größe und Form zu gewinnen. Sein Ansatz: Den Schädel auf Sägen – ein irreversibler Eingriff.
Wenige wagten das. Stattdessen nutzten Pioniere wie Harry Jerison und James Hopson seltene „natürliche Endocasts“ (versteinertes Sediment aus der Höhle), um festzustellen: Dinosauriergehirne ähnelten typischen Reptilienhirnen.

Ab den 1990er Jahren änderte CT-Scans alles. Wie Röntgenbilder aus vielen Winkeln rekonstruiert ein Computer 2D-Schnitte zu einem 3D-Modell. Dichteunterschiede (Knochen vs. Luft) erzeugen präzise Bilder. So sehen Paläontologen nicht-invasiv in Fossilien – wie Ärzte in Patienten, ohne OP.
CT hat die Paläontologie transformiert: Digitale Modelle von Gehirnhöhlen, Innenohren, Nerven und Sinus. Nicht-invasiv, kostengünstig, mit Klinikgeräten machbar. Viele Labore, einschließlich meines, haben eigene Scanner; Hochleistungs-Synchrotrons scannen sogar Mikrodetails.
Alle Muskeln, kein Gehirn?
Frühe Trias-Dinosaurier (vor 230 Mio. Jahren) hatten primitive Reptilienhirne. Pflanzenfresser wie der Jurazeit-Stegosaurus (vor 150 Mio. Jahren) behielten kleine Gehirne bei – nicht walnussgroß, wie Kindersagen behaupten, sondern eher zwei bis drei Walnüsse, wie Scans von Dr. Ashley Morhardt (Washington University) zeigen. Genug fürs Überleben.
Sauropoden wie Diplodocus oder Brontosaurus passten Hirn und Ohr an. Frühe Formen wie Saturnalia hatten große Flocculus-Lappen für präzise Bewegungen. Bei Giganten schrumpften sie; Gleichgewichtskanäle passten sich an. Dr. Paul Serenos Studie (University of Chicago): Camarasaurus hielt den Kopf hoch, Nigersaurus nach unten – angepasst ans Fressen. Sensorische Anpassungen ermöglichten Koexistenz vieler Arten ohne Konkurrenz.
Wen nennst du federleicht?
Theropoden wie T. rex und Velociraptor nutzten Intelligenz neben Klauen und Zähnen. Die klügsten: Gefiederte, vogelverwandte Kleine wie Troodon oder Zanabazar. Dr. Amy Balanoffs Scans (Johns Hopkins) von Gobi-Funden (Dr. Mark Norell, AMNH) zeigen enorme Großehirne – vergleichbar mit frühen Vögeln, vielleicht flugfähig.

Dr. Darla Zelenitsky (University of Calgary) fand große Riechkolben bei „Raptoren“ – scharfer Geruchssinn.

T. rex: Osborns Scans deuteten auf großes Hirn hin; Dr. Larry Witmers CT (Ohio University) bestätigt: Schimpansen-Niveau, riesige Riechkolben, elongated Hörstrukturen für Tieftöne und Reflexe. Intelligenz machte das 13-m-, 7-t-Raubtier unschlagbar.
Wie entstand das? Mein Scan des Averianov-Fossils in Edinburgh (mit Dr. Ian Butler und Amy Muir): Timurlengia euotica, pferdegroß, 25 Mio. Jahre vor T. rex. Längliches Gehirn, spitze Form, lange Cochlea – schon da! Vorfahren wurden schlau, bevor groß. Intelligenz katapultierte Tyrannosaurier an die Spitze.
[Dieser Artikel wurde erstmals im Juni 2018 veröffentlicht]