Die meisten Medikamente holen wir uns aus der Apotheke – in Form von Tablettenblister, Salbentuben oder Fläschchen mit scheinbar harmlosen Flüssigkeiten. Doch die wahren Ursprünge vieler Wirkstoffe sind weit exotischer. Das erste HIV-Medikament etwa stammt aus einem Meeresschwamm, während Herzmedikamente aus der Fingerhutpflanze gewonnen werden.
Noch faszinierender sind giftige Tiere, auf die Wissenschaftler ihre volle Aufmerksamkeit richten. Tiergifte sind hochkomplexe Cocktails aus 10 bis Hunderten Toxinen – meist Proteinen, peptidähnlichen Aminosäureketten sowie organischen Molekülen wie Hormonen oder Antibiotika. Sie dienen Tieren zum Jagen oder zur Abwehr von Feinden.
Im Unterschied zu Giften, die über die Haut oder Schleimhäute wirken, müssen Toxine bei Bissen injiziert werden, um als Gift zu gelten. Etwa 150.000 Tierarten haben Systeme entwickelt, um Gift zu produzieren und einzusetzen: von Schlangen mit Reißzähnen und Bienen mit Stacheln bis hin zum männlichen Schnabeltier mit giftigen Spornen, speichelgiftigen Spitzmäusen oder der tödlichen Kegelschnecke mit ihrem harpunenartigen Rüssel.
"Die Evolution hat Toxine über Hunderte Millionen Jahre zu hochselektiven Molekülen verfeinert", erklärt Dr. Zoltan Takacs, ungarischer Toxin-Experte, Abenteurer und Gründer der World Toxin Bank. "Sie zielen präzise auf lebenswichtige Prozesse ab und sind daher ideale Vorläufer für neue Arzneimittel."
Diese Toxine attackieren Nervensysteme, lösen Lähmungen aus oder hemmen die Blutgerinnung. Genau diese Eigenschaften machen sie wertvoll: Nervengifte könnten starke Schmerzmittel werden, Blutgerinnungshemmer sind essenziell bei Herzkrankheiten.

Versuchen Sie das nicht zu Hause
Das heißt nicht, dass Sie Schlangen oder Spinnen als Haustiere anschaffen sollten. "Gift ist eine Mischung aus Hunderten Toxinen", betont Takacs. "Nur isolierte, reine Stoffe sind therapeutisch einsetzbar."
Die Nutzung von Giften in der Medizin ist altbekannt, doch das erste moderne Giftmedikament (1981 in Großbritannien zugelassen) markierte den Durchbruch. Heute gibt es rund 20 zugelassene Präparate gegen Herzleiden bis Diabetes. Fortschrittliche Technologien wie Takacs' Designer-Toxins ermöglichen es, Toxine aus verschiedenen Arten zu kombinieren – etwa Schlangen-, Skorpion- und Kegelschneckengifte. So entstehen naturnahe Varianten mit neuen Eigenschaften, die gegen Krankheitsziele getestet werden.
"Wir wählen die besten evolutionären Moleküle aus und optimieren sie gezielt", beschreibt Takacs. Mit geschätzten 20 Millionen unentdeckten Toxinen verspricht die Natur weitere Durchbrüche.
BIENEN UND WASPEN

ZIELE: HIV, Brustkrebs, Hautkrebs, rheumatoide Arthritis
Bienengift ist uns vertraut, doch es birgt Potenzial gegen HIV oder rheumatoide Arthritis. Über die Hälfte besteht aus Melittin, das für den brennenden Stich sorgt.
Forscher der Washington University School of Medicine testeten Melittin-beladene Goldnanopartikel: Sie durchlöchern HIV-Hüllen, schonen aber menschliche Zellen – vielversprechend für einen Schutzgel.
Ein Wespenpeptid aus Polybia paulista attackiert Krebszellen gezielt, indem es deren Fettmembranen zerstört (University of Leeds/São Paulo State University). Melittin schrumpft Tumore bei Mäusen und hemmt Arthritis-Entzündungen.
SCHLANGEN

ZIELE: Blutdruck, Blutgerinnung, chronische Schmerzen
Schlangen sind die am besten erforschten Giftquellen. Captopril (aus Bothrops jararaca) senkt Blutdruck und war das erste Giftmedikament. Eptifibatid (südöstliche Zwergklapperschlange) und Tirofiban (Sägezahnotter) verhindern Thrombosen.
Cenderitid (östliche grüne Mamba) testet sich gegen Herzkrankheiten, ein schwarzes Mamba-Toxin gilt als morphinstarkes Schmerzmittel (Französisches Institut für Molekular- und Zellpharmakologie).
Kegelschnecken

ZIELE: Chronische Schmerzen, Alzheimer, Parkinson, Schizophrenie, Lungenkrebs
Diese Jäger injizieren via Harpunenzahn paralysierendes Gift. Ziconotid (synthetisch aus Conus magnus) lindert schwere Schmerzen spinal. Weitere Toxine zielen auf Nikotinrezeptoren bei Neuroerkrankungen (University of Utah).
Spinnen, Skorpione und Hundertfüßler

ZIELE: Krebs, Muskeldystrophie, chronische Schmerzen, erektile Dysfunktion
Chlorotoxin (Todespirscher-Skorpion) markiert Tumore fluoreszierend (Fred Hutchinson Cancer Research Center). Spinnen- und Hundertfüßlergifte versprechen Therapien gegen Muskelschwund, Schmerzen oder Potenzstörungen (University of Queensland/Kunming Institute).
SEANEMONEN

ZIELE: Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis, Psoriasis, Lupus
Sonnenanemonen lähnen Beute mit Nesselgiften. Dalazatide (Phase II) blockiert selektiv Immunzellen bei Autoimmunkrankheiten (Kineta Inc.).
Eidechsen

ZIELE: Diabetes
Das Gila-Monster reguliert Blutzucker trotz seltener Mahlzeiten. Exenatide (aus seinem Gift) stimuliert Insulin und hilft Diabetikern beim Abnehmen.
- Dieser Artikel wurde erstmals im Juni 2016 veröffentlicht