Unsere nächsten Verwandten unter den Großen Menschenaffen – Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans – teilen mit uns eine faszinierende Fähigkeit. Als Primatenforscher mit jahrelanger Expertise in der Kognitionsforschung kann ich bestätigen: Neueste Studien belegen, dass sie ihre eigenen Erfahrungen nutzen, um Handlungen anderer vorherzusehen. Das ist ein starker Hinweis auf eine „Theory of Mind“.
Die Theory of Mind beschreibt die Fähigkeit, zu erkennen, dass andere eigene Überzeugungen, Absichten und Emotionen haben. Für uns Menschen ist sie essenziell, um in sozialen Strukturen zu koexistieren.
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Ob Tiere eine Theorie des Geistes besitzen, ist hochumstritten. Die Forschung fokussiert sich verständlicherweise auf nichtmenschliche Primaten, unsere evolutionären Nächsten.
In einer bahnbrechenden Studie unter Leitung von Dr. Fumihiro Kano von der Universität Kyoto wurden Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans in zwei Gruppen geteilt.
Jede Gruppe lernte eine andere Barriere kennen: Beide wirkten aus der Ferne identisch, doch nah entpuppten sie sich als undurchsichtig bzw. durchsichtig.
Danach sahen die Affen ein Video, während ihr Blick mit Eye-Tracking überwacht wurde. Darin beobachtete ein Mensch, wie ein Objekt unter einer Kiste verschwand, dann hinter einer identischen Barriere wartete, während das Objekt entfernt wurde, und schließlich danach suchte.
Das Design testete, ob die Affen ihre Erfahrungen auf die Sicht des Menschen übertrugen.
Affen mit undurchsichtiger Barriere fixierten die Kiste länger – sie gingen davon aus, der Mensch könne das Verschwinden nicht gesehen haben. Bei transparenter Barriere verteilte sich ihr Blick: Sie wussten, der Mensch hatte alles mitbekommen.
Trotz gleichem Video interpretierten beide Gruppen die Situation unterschiedlich – basierend auf eigener Erfahrung.
„Wir sind begeistert, dass Menschenaffen diesen anspruchsvollen Test gemeistert haben“, betont Dr. Kano. „Die Ergebnisse unterstreichen, dass wir diese Kognition mit unseren evolutionären Vettern teilen.“