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Epidemiologie: Die Geschichte von Krankheiten und Epidemien vor dem 20. Jahrhundert (Teil 1)

Die Erkenntnis, dass viele Volkskrankheiten durch Keime verursacht werden, gilt als eine der bahnbrechendsten Entdeckungen in der Medizingeschichte. Sie führte zu neuen Technologien zur Prävention und Behandlung solcher Erkrankungen und veränderte grundlegend unser Verständnis von Krankheit.

Die Keimtheorie entstand im 19. Jahrhundert, baute jedoch auf zwei älteren Ideen auf. Erstens trennte sie die Krankheit von der betroffenen Person. Zweitens ermöglichte sie eine präzise biologische Klassifikation der historisch bedeutsamsten Krankheiten. Beide Konzepte wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts voll anerkannt.

Traditionell sahen Ärzte Krankheiten als im Körper entstehend an. Der antike Grieche Hippokrates entwickelte die Theorie der vier Körpersäfte – Blut, Galle, schwarze Galle und Schleim –, die die westliche Medizin zwei Jahrtausende prägte. Ihr Gleichgewicht bestimmte die Gesundheit; Ungleichgewichte führten zu Krankheiten, die der Arzt wieder ausbalancieren musste.

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Dieses Modell stellten Paracelsus (ca. 1494–1541) und J.B. van Helmont (1579–1644) in Frage. Sie sahen Krankheit als externes „Ens“, das Organe angreifen konnte – eine Trennung von Patient und Krankheit. Trotz Anhängern überzeugten sie die Mehrheit nicht, die hippokratischen Säfte aufzugeben.

Dieses „Ens“ blieb vage definiert, öffnete aber den Weg zur Disaggregation. Die Klassifikation von Krankheiten (Nosologie) wurde von Thomas Sydenham (1624–89), dem „englischen Hippokrates“, vorangetrieben. Er beschrieb Symptome unabhängig vom Patienten und verglich Krankheiten mit Pflanzenklassifikationen – ein Grundstein für spätere Nosologen.

Miasma und Ansteckung: Zwei Theorien zur Erklärung von Epidemien

Die Keimtheorie erklärte schließlich epidemische Geißeln wie Pest, Pocken, Typhus, Scharlach und Masern, die Bevölkerungen dezimierten. Zwei konkurrierende Theorien versuchten, sie zu erklären: Miasma und Ansteckung.

Epidemiologie: Die Geschichte von Krankheiten und Epidemien vor dem 20. Jahrhundert (Teil 1)

Die Miasma-Theorie führte Epidemien auf üble Luftpartikel aus verrottender Materie zurück – Fäkalien, Abfälle, Gerüche. Sie erklärte simultane Erkrankungen und empfahl Sauberkeit, Straßenreinigung und Entsorgung.

Die Ansteckung-Theorie sah Übertragung von Person zu Person, wie bei Pocken, und forderte Quarantäne. Beim Schwarzen Tod (14.–17. Jh.) mischte man beide Ansätze: Quarantäne mit Feuern zur Luftreinigung und duftenden Sträußen.

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Girolamo Fracastoro (ca. 1476–1553) argumentierte 1546 in De Contagione für Ansteckung durch „Krankheitskeime“. Ohne Mikroskop blieb er visionär und beeinflusste die Bakteriologie.

Antoni van Leeuwenhoek (1632–1723) machte Bakterien 1670 sichtbar. Verbesserte Mikroskope bestätigten Mikroorganismen, doch Verbindungen zu Krankheiten blieben umstritten. Im frühen 19. Jahrhundert dominierten Miasmen.

Cholera, die gefürchtetste Seuche des 19. Jahrhunderts, passte zu beiden Theorien. John Snow (1813–58) widerlegte Miasma in den Londoner Epidemien 1848/1854: Kontaminiertes Wasser – nicht Luft – war die Quelle. Seine Haus-zu-Haus-Ermittlungen um den Broad Street Brunnen und Vergleiche von Wasserfirmen (13-fach höheres Risiko bei verschmutztem Themsewasser) bewiesen es.

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Die Entstehung der Keimtheorie

Mitte des 19. Jahrhunderts konkurrierten Theorien um Mikroorganismen. Louis Pasteur (1822–95) prägte die moderne Keimtheorie durch Experimente, die spontane Generation widerlegten – z. B. mit Schwanenhalskolben.

Epidemiologie: Die Geschichte von Krankheiten und Epidemien vor dem 20. Jahrhundert (Teil 1)

Pasteur erklärte Gärung (Bier, Wein, Milch), Seidenraupen- und Tierkrankheiten, entwickelte Impfstoffe gegen Milzbrand und Tollwut.

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Pasteurs Rivale Robert Koch (1843–1910) standardisierte Bakteriologie: Reine Kulturen, Autoklaven, Fotografie. Er entdeckte Milzbrandsporen, Tuberkulosebazillus (1882) und Choleravibrion (1884). Seine Postulate validierten kausale Verbindungen.

Epidemiologie: Die Geschichte von Krankheiten und Epidemien vor dem 20. Jahrhundert (Teil 1)

Die Keimtheorie ermöglichte Prävention (Wasser, Nahrung, Hygiene), antiseptische/asceptische Chirurgie (Joseph Lister, 1827–1912) und Impfstoffe (gegen Cholera, Pest, Typhus, Tetanus u. a.).

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Der Kampf gegen Krankheiten

Um 1900 markierte die Keimtheorie den Anfang eines laufenden Kampfes. Viren (Tollwut, Masern, Influenza) erforderten neue Techniken; Impfstoffe folgten. Bakterien entwickeln Resistenzen, aufkommende Erreger wie HIV, Ebola und Prionen (Rinderwahn) fordern uns weiter heraus.

Epidemiologie: Die Geschichte von Krankheiten und Epidemien vor dem 20. Jahrhundert (Teil 1)

Infektionskrankheiten bleiben eine globale Herausforderung.

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