Als die Waldökologin Prof. Suzanne Simard bemerkte, dass Bäume miteinander kommunizieren, war das für sie keine Überraschung. Sie startete ihre Karriere als Försterin in uniform gepflanzten Wäldern, doch die wilde Natur, die sie kannte, war chaotisch, komplex und hochgradig vernetzt.
„Wenn Sie durch einen natürlichen Wald streifen, sehen Sie, wie Pflanzen ineinander verschlungen sind und sich gegenseitig Lebensraum bieten“, erklärt Simard von der University of British Columbia. Für sie ist die Natur ein vernetztes System aus interagierenden Komponenten, die voneinander abhängen.
In den 1990er Jahren tauchten spannende Entdeckungen über unterirdische Verbindungen zwischen Pilzen und Pflanzenwurzeln auf – Mykorrhiza, wörtlich „Pilzwurzel“. „Damals fokussierte die Forstwirtschaft auf den Lichtwettbewerb der Bäume“, sagt Simard. „Doch mich faszinierte, was unter der Erde geschah – dort fand die Action statt.“

Sie lag richtig: Unter unseren Füßen führen Pflanzen einen ständigen Dialog. Geschichten von Freundschaft, Gier und Verrat spielen sich über ein unterirdisches Netzwerk ab – das mikroskopische Pendant zu den Verbindungen über der Erde. Dieses Netz kennt man als „Wood-Wide-Web“.
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Mykorrhiza ist allgegenwärtig. Jeder Schritt im Wald überspannt Hunderte Kilometer feinster Pilzfäden – die Glasfasern des Wood-Wide-Webs. Pilze bilden Symbiosen mit Wurzeln und leiten Wachstumsstoffe weiter.

Diese Partnerschaft war lange als simpler Tausch bekannt: Pflanzen geben kohlenstoffreiche Zucker aus der Photosynthese, Pilze liefern Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff aus dem Boden.
Das gemeinsame Mykorrhiza-Netzwerk
Doch es geht tiefer: Pilze verbinden nicht nur eine Pflanze, sondern mehrere – als „gemeinsame Mykorrhiza-Netzwerke“. Darüber tauschen Nachbarn Zucker, Nährstoffe, Wasser und mehr aus.

„Ich nenne es die ‘Sprache der Bäume‘“, sagt Simard. Forschung mit markierten Isotopen zeigt: „Mutterbäume“ versorgen Setzlinge mit Kohlenstoff, sterbende Bäume spenden Nährstoffe. Manche bevorzugen Verwandte. Der Fluss folgt einem „Quelle-Senke“-Prinzip.

Pflanzen stützen sich gegenseitig und formen so ihre Ökosysteme. Wälder wirken wie Superorganismen.
Das Wood-Wide-Web erstreckt sich über Wälder hinaus – von Regenwäldern bis Tundra, bei den meisten Landpflanzen. Netze umfassen Artenvielfalt und variieren je Pilztyp.

Ackerbohnen warnen bei Blattlaus-Angriffen via Chemikalien – und locken Wespen. Prof. David Johnson (University of Manchester) testete: Nachbarn reagieren nur, wenn mykorrhizavernetzt. Diese „Langstrecken-Telegramme“ gelten für Raupen oder Erreger.
Wettbewerb und Kooperation
Doch nicht alles ist harmonisch. Evolutionsbiologin Prof. Toby Kiers (Vrije Universiteit Amsterdam) warnt: „Wir sehen Harmonie, weil wir sie wollen. Unter der Oberfläche tobt Konkurrenz.“ Pflanzen investieren weniger in Netze mit Rivalen.
Wie im Internet hat das Wood-Wide-Web eine dunkle Seite: Orchideen klauen Kohlenstoff, andere vergiften Konkurrenten.

Dr. Kathryn Morris (Xavier University) hört „gute und böse“ Gespräche: „Hilfe“ kann Parasitismus sein.
Widersprüchlichkeit und Abhängigkeit
Pilze kontrollieren oft: „Kooperation basiert auf Konflikt“, sagt Kiers. Sie maximieren Gewinn, schränken Zugang ein – erzeugen „Sucht“.

Netze entstehen, weil Pilze von Vielfalt profitieren, doch viele sind pflanzenabhängig.
Mechanismen sind komplex: Signale reiten auf Wasser? Simard: „Es gibt viele Wege, Pilze sind aktiv beteiligt.“
Komplexität in Hülle und Fülle
Metaphern wie „Sprache“ oder „Superorganismus“ greifen zu kurz. Simard: „Es spiegelt unsere sozialen Systeme wider – alle Rollen sind essenziell.“

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- Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 308 von BBC Focus.