Pilze umgeben uns überall. Hefe lässt unser Brot aufgehen, Speisepilze bereichern die Küche, und Penicillin heilt Infektionen. Doch Biologe Merlin Sheldrake, Autor des Bestsellers "Entangled Life", enthüllt noch weit mehr Wunder dieser faszinierenden Organismen.
Im aktuellen Science Focus Podcast sprach unser Team mit ihm. Hier sind fünf beeindruckende Erkenntnisse aus dem Gespräch.
1. Pilze bilden ein uraltes Königreich
"Aktuelle Schätzungen datieren das Pilzreich auf über eine Milliarde Jahre. Neue Fossilfunde oder genetische Analysen ändern diese Werte ständig", erklärt Sheldrake.
Fossilien aus Lava vor 2,4 Milliarden Jahren zeigen verzweigte Myzelstrukturen, die Pilzen ähneln. Ob es echte Pilze sind, bleibt umstritten – doch sie deuten auf eine viel frühere Entstehung hin.
2. Pilze waren die ersten "Wurzeln" der Pflanzen
Pilze leben in symbiotischen Partnerschaften mit fast allen Pflanzen. Sie durchdringen Wurzeln, liefern Nährstoffe aus dem Boden und schützen vor Krankheiten.
Im Tausch erhalten sie Zucker und Lipide aus der Photosynthese. Diese Allianz ist uralt: Ohne Pilze hätten Süßwasseralgen – Vorfahren der Landpflanzen – das Wasser nie verlassen können.

Algen badeten in nährstoffreichem Wasser. Am Ufer fehlten Bodennährstoffe. Pilze übernahmen diese Rolle als "Wurzelsystem" – erst 50 Millionen Jahre später entwickelten Pflanzen eigene Wurzeln.
3. Ohne Pilze läge die Welt voller Leichen
Pilze sind Meisterzersetzter. Sie zerlegen tote Pflanzen und Tiere. Ohne sie wäre die Erde kilometerhoch mit Kadavern bedeckt.
Wir bemerken ihre Arbeit oft nur an der entstandenen Leere. Ihre Zersetzung von Holz ist essenziell für globale biogeochemische Kreisläufe.
Weiterlesen über Pilze:
- Wilde Ideen in der Wissenschaft: Pilze könnten die Welt retten
- Vive Le Blob: Die erstaunlichen Fähigkeiten von Schleimpilzen
- Psychedelische Heilung: Können Zauberpilze helfen, das Gehirn neu zu starten?
4. Evolution machte Trüffel unwiderstehlich
Trüffel haben sich selbst begehrenswert evolviert. Als unterirdische Fruchtkörper von Mykorrhizapilzen können sie Sporen nicht per Wind verbreiten.
Sie produzieren intensive Aromen, die durch den Boden dringen und Tiere anlocken. Diese graben sie aus, essen sie und verteilen Sporen mit Kot.

Menschen teilen diese Faszination mit Spitzmäusen, Schweinen oder Hunden. Der weiße Trüffel ist besonders wertvoll – er muss binnen 48 Stunden verzehrt werden. Ganze Industrien sorgen für schnelle Lieferung.
5. Supermarkt-Pilze täuschen uns
Die gängigen Supermarkt-Pilze (Agaricus bisporus) sind eine Art: Champignons, Cremini und Portobello unterscheiden sich nur im Reifestadium.
Sie sind leicht anzubauen, aber nährstoffarm. Besser: Shiitake, Löwenmähne oder Austernpilze – nährstoff- und medizinreicher. Der Pilzanbau boomt, Vielfalt in Läden wächst.

Mehr Science Focus Podcast-Folgen:
- The Urban Birder: Welche Wildtiere können Stadtbewohner sehen?
- Samantha Alger: Was können wir tun, um die Bienen zu retten?
- Mark Miodownik: Sind biologisch abbaubare Kunststoffe wirklich besser als herkömmliche?
- Neil Shubin: Wie kommt es zu großen Veränderungen in der Evolution?
- Mark Lynas: Könnte es der Schlüssel zum Erreichen der britischen Klimaziele sein, die Natur sich selbst zu überlassen?
- Brad Lister: Stehen wir vor einer Insekten-Apokalypse?
- Neil Gemmell: Die genetische Jagd nach dem Ungeheuer von Loch Ness