Im Oktober 2019 eröffnete der Pariser Zoologische Park eine einzigartige Ausstellung. In einem Glasbehälter staunten Besucher über einen Organismus, der denken konnte – ohne Gehirn. Er erinnerte sich ohne Erfahrungen und baute Informationsnetzwerke mit beispielloser Effizienz auf. Es war ein Schleimpilz, liebevoll „Le Blob“ genannt.
Schleimpilze tauchen selten in Quizshows oder Naturdokus auf – doch sie verdienen Aufmerksamkeit. Sie sind kein einzelner Organismus, sondern Kollektive einzelliger Amöben-ähnlicher Wesen, unsichtbar für das bloße Auge.
Zur Fortpflanzung wachsen sie zu Fruchtkörpern oder Sporangien heran, die Sporen freisetzen – ähnlich wie Pilze, mit denen sie nicht eng verwandt sind. Der Zyklus beginnt von vorn.
Schleimpilze erstrahlen in allen Farben und bevölkern Wälder weltweit: in Böden, auf Ästen toter Bäume und in Laub. Sie fressen Mikroben wie Hefe und Bakterien. Manche bilden zauberhafte, baumartige Strukturen, andere – wie der „Hundekotz-Schleimpilz“ – sind weniger ansehnlich.
Alle Bilder in diesem Artikel stammen vom britischen Fotografen Andy Sands. Er durchstreift monatelang Wälder nahe seinem Zuhause in Hertfordshire. „Dass dieselben Arten weltweit vorkommen, fasziniert mich zutiefst“, sagt er.
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Die überraschende Intelligenz des Schleims
Besonders faszinierend sind plasmodiale Schleimpilze. Durch ständige Replikation ihres Erbguts ohne Zellteilung werden sie zu einer gigantischen Superzelle – bis zu 10 Meter groß.
Dr. Audrey Dussutour, Schleimpilz-Expertin am Zentrum für Integrative Biologie in Toulouse, Frankreich, beschreibt dieses Stadium treffend als „Blob“.
Ihr Favorit ist Physarum polycephalum, Star der Pariser Ausstellung und Modellorganismus der Forschung. Der Name bedeutet „vielköpfiger Schleim“, da es fingerartige Ausläufer bildet, die täglich um einen Zentimeter wachsen.

In den letzten 10 Jahren bewies P. polycephalum beeindruckende Fähigkeiten. Berühmt ist sein Labyrinth-Lösen: Es spürt seine Schleimspur und vermeidet erkundete Wege.
Forschung von Dussutour und Team zeigt primitives Lernen: Bei Reizen wie Salz oder Koffein zieht es Ranken zurück. Erreicht es Nahrung dahinter, gewöhnt es sich an und ignoriert den Reiz.
Dieses Wissen wird durch Verschmelzung mit anderen Schleimpilzen weitergegeben – und hält Wochen, sogar im Ruhezustand.

„Schleimpilze zeigen, dass selbst Einzeller tierische Intelligenz imitieren“, erklärt Dussutour. „Sie zwingen uns, Einzeller neu zu bewerten.“
Seine chemosensorische Nahrungssuche inspiriert Stadtplaner. Haferflocken als Städte simuliert, optimiert es Routen.
Tokios U-Bahn? Effizient – passt perfekt zu Schleimpilz-Pfaden. US-Straßennetz? Chaotisch. Britisches? Mittelmaß, z. B. bevorzugt es einen M6 östlich statt durch den Lake District.
Sogar Kosmologen nutzen es: Algorithmen modellieren dunkle Materie-Filamente im Universum.
Ein Loblied auf den Schleimpilz
Es gibt rund 900 bekannte Arten, viele unentdeckt mit ihren Wundern.
Einige „farmen“ Bakterien wie Ameisen Pilze: Sie transportieren und kultivieren sie.
Das Sexualleben? Über 720 Geschlechter – jede Paarung verschiedener Zellen funktioniert.
Sex, Gesellschaft, Schleim: Je tiefer man schaut, desto mehr spiegelt sich der Mensch darin. Achten Sie auf Schleimpilze in Ihrer Nähe. Vive Le Blob!
- Dieser Artikel erschien erstmals in Ausgabe 355 von BBC Science Focus – hier abonnieren