In den ersten Tagen des neuen Jahres 2019 schloss China unauffällig eine große Lücke in der Erforschung des Sonnensystems. Zuvor hatten wir Sonden zu allen Planeten geschickt, Kometen umflogen, auf Asteroiden und Saturnmonden gelandet. Am Neujahrstag fotografierte die NASA-Sonde New Horizons das Objekt Ultima Thule im Kuipergürtel, über 6,5 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt.
Allerdings fehlte bislang eine Landung auf der Mondrückseite, der uns abgewandten Seite unseres nächsten Himmelskörpers. Diesen Durchbruch erzielte die chinesische Raumfahrtbehörde CNSA mit der Chang'e-4-Mission: Am 3. Januar 2019 setzte sie sanft auf der Mondoberfläche auf. Nur 12 Stunden später rollte der Rover Yutu-2 die Rampe hinab und hinterließ als Erstes Reifenspuren im Staub der Mondrückseite. "Ein enorm bedeutsamer Moment in der Geschichte der Weltraumforschung", betont Prof. Ian Crawford, Planetenforscher an der Birkbeck University of London.
Chang'e ist nach der chinesischen Mondgöttin benannt, Yutu-2 ihr weißes Kaninchen – ähnlich dem "Mann im Mond" im Westen. Nach Jahren der Vernachlässigung des Mondes seit Apollo kehrt die Menschheit zurück.
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Das Interesse am Mond schwand nach Apollo 1972, robotische Missionen endeten 1976. Erst 2013 landete China mit Chang'e-3 und Yutu den ersten Rover auf der Mondvorderseite – als drittes Land nach USA und Sowjetunion.
Chang'e-3 hatte Probleme mit Steinen, die den Rover behinderten. Dennoch wagte China den nächsten Schritt auf der schwierigeren Rückseite. "Beeindruckend", sagt Crawford.

Durch die Erdanziehung sehen wir immer nur eine Mondseite. Chang'e-4 landete bei Neumond, wenn die Rückseite sonnenbeschienen ist. Missionen müssen zwei Wochen Mondnacht (-173 °C) und zwei Wochen Glut (127 °C) überstehen.
Erstes Foto der Rückseite: 1959 durch die Sowjetunion. NASA verwarf Apollo-17 dort wegen Kommunikationshürden – der Mond blockiert Signale zur Erde.

Mondlandung
China löste das mit dem Relay-Satelliten Queqiao (Magpie Bridge), der 65.000 km hinter dem Mond parkt und Signale relayt. Vier Wochen Tests vorab. Die Rückseite ist zerklüfteter, Landung riskanter.
"Eine Kette kritischer Manöver: Start, Translunar-Injektion, Mondeneinfang, Abstieg, Gefahrenvermeidung, sanfte Landung, Rover-Aktivierung", erklärt Prof. Bernard Foing, Exekutivdirektor der International Lunar Exploration Working Group. "Alles lief präzise und stabil", bestätigte Chefdesigner Sun Zezhou.
Landeplatz: Von-Kármán-Krater (180 km), in der Südpol-Aitken-Senke – größte, tiefste Mondstruktur. Sicher wegen Lavaüberflutung, geologisch spannend für Mondentstehung nach Erd-Kollision.

Der Einschlag könnte Mantelmaterial an die Oberfläche gehoben haben. Erstmals Basaltzusammensetzung der Rückseite messbar. Yutu-2s Lunar Penetrating Radar (LPR) scannt bis 100 m Tiefe.

Neben Geologie: Radioastronomie (ruhigste Umgebung), Sonnenwind-Experimente (ASAN, Mondwasser), Strahlungsmessung (LND mit Uni Kiel), Biosphäre-Test (Samen, Raupen – Baumwolle keimte kurz).
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Leben auf dem Mond
China folgt Apollo-Muster: Orbiter (Chang'e 1/2), Vorderseite-Landung (3), nun Rückseite (4). "Technische Reife für bemannte Missionen", sagt Foing.

Seit Taikonaut Yang Liwei (2003) 12 Missionen, Tiangong-1 (2011–2018). Neue Station bis 2022, Mondlandung Taikonauten 2025 möglich. Chang'e-5/6: Probenrückführung, Roboterdorf.
Weltraumrennen
China nutzt Know-how für Ressourcen wie Helium-3. Weltraumvertrag verbietet Nuklearwaffen, doch 2007 zerstörte China einen Satelliten. Gratulationen international, Zukunft: Kooperation oder Rivalität?
- Dies ist ein Auszug aus Ausgabe 332 von BBC Focus Magazin - hier abonnieren