Seit den Zeiten, in denen Kometen als Omen für Katastrophen galten, haben wir enorme Fortschritte gemacht. Heute wissen wir: Diese eisigen Himmelskörper sind Zeitkapseln aus der Entstehungszeit unseres Sonnensystems.
Sie verraten uns Details zur Planetenbildung und könnten sogar chemische Bausteine des Lebens auf der jungen Erde enthalten haben.
Kein Wunder, dass Raumfahrtagenturen weltweit Kometenmissionen starten. Die ESA entwickelt derzeit Comet Interceptor – Start geplant für 2028 –, um diese Objekte hautnah zu erforschen. Doch es ist nicht die erste solcher Art.
1986 flogen Missionen aus Europa, der UdSSR und Japan am Halleyschen Kometen vorbei. Die ESA-Sonde Giotto kam am nächsten: Sie lieferte das erste Bild eines Kometenkerns und zeigte Gasausbrüche aus Oberflächendüsen.
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Die ESA-Mission Rosetta begleitete 2014–2016 den Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko. Sie lieferte einzigartige Daten zur Kometenentwicklung nahe der Sonne. „Auf der Oberfläche laufen vielfältige Prozesse ab. Wir sahen Veränderungen in Echtzeit“, erklärt Dr. Colin Snodgrass, Rosetta-Wissenschaftler an der University of Edinburgh.
Bereiche erodierten, andere wurden von zurückfallendem Material bedeckt. „Wir kannten Erosion, doch Rosetta zeigte uns das volle Ausmaß bei jedem Sonnenperihel“, fügt Snodgrass hinzu.
Eine einzigartige Mission
Das ist faszinierend, aber auch herausfordernd: Kometenoberflächen sind keine pristine Aufzeichnung der Urzeit. Bisher besuchten wir kurzperiodische Kometen – uralte Objekte aus dem äußeren Sonnensystem, die durch Sonneneinwirkung verändert wurden.
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Langperiodische Kometen wie Hale-Bopp (1997, sichtbar 18 Monate, letzter Erdbesuch vor ca. 4200 Jahren) oder Hyakutake (1996, Umlauf 70.000 Jahre) sind näher am Originalzustand. Besonders interessant: Dynamisch neue Kometen beim ersten Sonnenbesuch.
Diese entstanden vermutlich zwischen den Riesenplaneten und wurden per Gravitation in die Ferne geschleudert – konserviert in Kälte. Eine Nahbegegnung würde eine neue Region des frühen Sonnensystems offenbaren. Doch sie sind unvorhersehbar.
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Hier setzt Comet Interceptor an. Geleitet von Dr. Snodgrass und Prof. Geraint Jones (University College London), startet sie 2028 und wartet im All auf ein Ziel. „Niemand plant eine Mission ohne festes Target – das ist Pionierarbeit“, betont Snodgrass.
Ohne bekannte Parameter muss alles flexibel sein: Bahn, Treibstoff, Instrumente, Solarpaneele.
Schlüssel zur Planetenentstehung
Comet Interceptor filmt Oberflächen in Rosetta-Qualität und vergleicht Zusammensetzungen. „Wir erwarten Unterschiede zu 67P, da sie näher an der Sonne entstanden – mit anderem organischen Inventar“, sagt Prof. Stephen Lowry, Kometenexperte an der University of Kent.
Form und Struktur könnten Planetenbildung klären: 67P war eine sanfte Hantelfusion (Geschwindigkeit im Schritttempo). Wiederholung bei langperiodischen Kometen würde Theorien umkrempeln.

Ab 2022 sucht das LSST-Teleskop (Chile, 8-m-Spiegel) den Himmel – entdeckt Tausende Kometen. „Nur eine Handvoll taugt als Target bis 2028“, schätzt Snodgrass.
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Möglicher Bonus: Interstellare Kometen wie ’Oumuamua (2017) oder Borisov (2018, Perihel 2019: 2 kg Staub/s, 60 kg Wasser/s). „Ein Treffer wäre unwiderstehlich“, meint Snodgrass.
Interstellare Besucher
’Oumuamua (Pan-STARRS, Hawaii) wirkte asteroidenähnlich, beschleunigte aber kometentypisch durch Gasfreisetzung – keine Aliens.

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Chancen gering, LSST bringt Klarheit.
Das Geheimnis des Lebens auf Erde
Unabhängig vom Ziel: Oberflächenchemie zählt. Fokus auf organische Moleküle. „Vielfältiges Inventar analysieren – ideal per Probenrückkehr“, sagt Gianrico Filacchione (INAF-IAPS, Rom).

ESA plant AMBITION (2050): Landung, Probenahme, kryogene Rückkehr. „Der Heilige Gral“, nennt es Filacchione.
„Comet Interceptor zeigt einen primiären Kometen – Milliarden Jahre unverändert“, fasst Snodgrass zusammen. Die flexible Planung ist revolutionär – und spannend, solange man kein Ingenieur ist, scherzt er.