Man könnte denken, wir hätten unser Sonnensystem bereits gründlich nach Spuren außerirdischen Lebens durchsucht – schließlich ist es unsere kosmische Nachbarschaft. Doch die Realität ist: Selbst über Planeten und Monde, die wir bereits besucht haben, gibt es noch unzählige offene Fragen.
Wo sollten wir also mit der Suche nach außerirdischem Leben beginnen?
Welche Art von außerirdischem Leben suchen wir?
Alles Leben auf der Erde basiert auf drei Säulen: DNA und RNA zur Speicherung genetischer Informationen, Proteine für Zellstruktur und biochemische Reaktionen sowie Lipidmoleküle für Zellmembranen. Dieses System funktioniert bewährt, doch bei der Astrobiologie dürfen wir uns nicht allein vom irdischen Modell leiten lassen: Außerirdisches Leben könnte grundlegend anders sein.
Chemische Grundlagen deuten darauf hin, dass Leben im Sonnensystem wahrscheinlich kohlenstoffbasiert ist und Wasser als Lösungsmittel nutzt – außer vielleicht auf Titan, wo Ethan eine Rolle spielen könnte. Unsere Raumsonden-Instrumente scannen daher nach komplexen organischen Molekülen, unabhängig von spezifischen Verbindungen wie DNA.
Zentrale Aufgabe von Missionen: Die Umweltbedingungen auf anderen Himmelskörpern analysieren – historisch und aktuell – und prüfen, ob sie langfristig lebensfreundlich waren.
Studien zu Extremophilen, widerstandsfähigen irdischen Organismen, erweitern unser Wissen über Lebensgrenzen: Sie überstehen extreme Hitze, Kälte, Säure, Strahlung oder Salz. Der unter der Antarktis-Eisschicht liegende Wostok-See gibt Hinweise auf mögliches Leben unter den Eismänteln von Europa oder Enceladus. Bärtierchen, die robustesten Tiere der Erde, haben Massenaussterben überdauert, trocknen aus und überleben sogar 10 Tage im Vakuum des Weltalls.
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Die besten Orte im Sonnensystem für die Suche nach außerirdischem Leben
Venus

Ort: 108 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt
Vorteile: Potenzial für langfristige Ozeane
Nachteile: Höllische Oberflächenhitze, Wolken aus Schwefelsäure
Geplante Missionen: DAVINCI+ (Start 2026, nicht bestätigt)
Im September 2020 sorgte die Entdeckung von Phosphin in der Venus-Atmosphäre für Schlagzeilen – ein unerwartetes und noch ungeklärtes Gas, das auf biochemische Prozesse hindeuten könnte. Trotz Zweifeln an der Messung deutet etwas Ungewöhnliches auf unbekannte Chemie hin.
Venus ist extrem: Eine dichte CO₂-Atmosphäre erzeugt Treibhauseffekte mit über 460 °C Oberflächentemperatur – heiß genug, um Blei zu schmelzen. In 55 km Höhe ähneln Bedingungen der Erde, doch Schwefelsäure-Wolken sind tödlich. Könnte venusianisches Leben höhere Säurewerte tolerieren und in Wolken überleben?

Die NASA plant DAVINCI+, das eine Sonde mit Spektrometern in die Atmosphäre schickt. Dr. Melissa Trainer vom NASA Goddard Space Flight Center: „Wir erhalten ein klares Bild der Atmosphäre von den Wolkenspitzen bis zur Oberfläche.“ Die Mission misst Wasserdampf und klärt das Phosphin-Rätsel.

„Es ist dringend nötig, zu unserem Schwesterplaneten zurückzukehren“, betont Trainer.
Mars

Ort: 228 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt
Vorteile: Beweise für uraltes Wasser, organische Moleküle, Energiequellen
Nachteile: Extrem kalt und trocken
Geplante Missionen: Tianwen-1, Al Amal, Perseverance (unterwegs); Rosalind Franklin (Start 2022)
Frühe Beobachtungen täuschten Kanäle vor, doch Sonden zeigten eine gefriergetrocknete Wüste. Heute: Dünne Atmosphäre, Kälte, UV-Strahlung verhindern flüssiges Wasser. Aber Spuren alter Flüsse, Deltas und Ozeane deuten auf einen bewohnbaren Ur-Mars hin. Könnten Biosignaturen in Sedimenten erhalten sein?
Astrobiologin Dr. Claire Cousins von der University of St Andrews vergleicht: Atacama-Wüste für heutigen Mars, Island für den frühen Mars.

2020 starteten drei Missionen; 2022 folgt ExoMars. Cousins: „Rover analysieren Gesteinschemie auf organische Spuren von Mikroben vor Milliarden Jahren.“
Enceladus

Ort: Saturnsystem; 1.400 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt
Vorteile: Subsurface-Ozean, organische Chemie, Energiequellen
Nachteile: Unter Eispanzer versiegelt
Geplante Missionen: Derzeit keine ausgewählt
Enceladus, ein kleiner Saturnmond, zeigte 2005 Geysire am Südpol. Cassini analysierte: Salziges Wasser mit Mineralien, organischen Molekülen wie Formaldehyd, Wasserstoff – Vorläufer für Hydrothermalquellen, Oasen für Mikroben auf Erde.

Enceladus bietet alles: Wasser, Chemie, Energie. Vorgeschlagene Missionen wie ELF oder ELSA scheiterten, doch zukünftige Rückkehr ist wahrscheinlich.
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Europa

Ort: Jupiter-System; 778 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt
Vorteile: Subsurface-Ozean, mögliche organische Chemie, Energiequellen
Nachteile: Unter Eispanzer versiegelt
Geplante Missionen: JUICE (Start 2022), Europa Clipper (Start 2024)
Europas junge Oberfläche mit Rissen deutet auf Aktivität hin. Galileo entdeckte salzigen Unter-Ozean via Magnetfeld. Hubble sah Wasserfahnen.
Offen: Eisdicke, Chemie, Hydrothermale. Besser als Mars, aber herausfordernd: Strahlung, kein Fallschirm, Bohren nötig. JUICE und Clipper kommen; Lander möglich 2025.
Titan

Ort: Saturnsystem; 1.400 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt
Vorteile: Geologisch aktiv, organische Chemie
Nachteile: Sehr kalt, flüssige Kohlenwasserstoffe
Geplante Missionen: Dragonfly (Start 2027)
Titan: Größer als Merkur, mit Flüssen, Seen – aber Methan/Ethan bei -180 °C. Huygens und Cassini zeigten prähistorische Chemie. Dragonfly-Drohne erkundet autonom.
Trainer: „Wir untersuchen prähistorische Chemie nach biologisch relevanten Molekülen.“
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Leben jenseits des Sonnensystems
Neben diesen Kandidaten: Über 4.300 Exoplaneten entdeckt, potenziell 100 Milliarden in der Milchstraße. Fokus auf erdähnliche mit Sauerstoff-Biosignaturen via Teleskope wie James Webb (Start 2021).

Dr. Sarah Rugheimer (Oxford): „TRAPPIST-1-System mit sieben erdgroßen Planeten ist vielversprechend.“
- Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 357 des BBC Science Focus Magazine – Hier erfahren Sie, wie Sie sich anmelden können