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Risse in der Kosmologie: Warum das Standardmodell des Universums bröckelt

Das Standardmodell der Kosmologie zeigt erste Risse. Widersprüchliche Beobachtungen deuten auf fundamentale Probleme hin. So dehnt sich das Universum nach Messungen der kosmischen Hintergrundstrahlung um etwa 10 Prozent schneller aus, als es das Modell vorhersagt.

Diese Diskrepanzen könnten durch präzisere Schätzungen der kosmischen Parameter verschwinden. Doch sie könnten auch ein radikales Umdenken erfordern – etwa durch unsichtbare, "dunkle" Komponenten mit der Komplexität von Atomen, Sternen und Galaxien.

  • Hören Sie Marcus Chown im Science Focus Podcast über die Risse in der Kosmologie sprechen.

Dunkle Materie, Dunkle Energie und Inflation

Die Kosmologie ist die Krone der Wissenschaften: Sie erforscht die Geburt, Entwicklung und das Schicksal des Universums. Das Standardmodell basiert auf Urknall, Dunkler Materie, Dunkler Energie und Inflation.

Der Urknall wird durch die Flucht der Galaxien – wie unsere Milchstraße – und die kosmische Mikrowellenhintergrundstrahlung bestätigt. Diese Reliktstrahlung zeigt: Das Universum war einst kleiner, heißer und begann vor 13,82 Milliarden Jahren als glühender Feuerball, der sich seitdem ausdehnt.

Das einfache Urknall-Bild stößt jedoch an Grenzen. Es widerspricht Beobachtungen – und prognostiziert sogar, dass wir gar nicht existieren sollten.

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Nach dem Urknall war Materie extrem homogen verteilt. Dichtere Regionen zogen durch Gravitation mehr Materie an und formten Galaxien. Doch für Milchstraßen-ähnliche Strukturen hätte es länger als 13,82 Milliarden Jahre gebraucht.

Kosmologen ergänzen das Modell mit unsichtbarer Dunkler Materie, die sichtbare Materie um den Faktor sechs überwiegt. Ihre Gravitation beschleunigte die Galaxienbildung.

Ein weiteres Problem: Das Modell erwartet eine Verlangsamung der Expansion durch Gravitation. Stattdessen entdeckten Astronomen 1998 eine Beschleunigung – erklärt durch Dunkle Energie, die den Raum ausfüllt und abstoßend wirkt.

Risse in der Kosmologie: Warum das Standardmodell des Universums bröckelt

Drittens ist die kosmische Hintergrundstrahlung mit 2,726 K überall gleichmäßig – obwohl Regionen am Himmelsrand nie in Kontakt standen. Lösung: Eine frühe "Inflation" dehnte das Universum explosionsartig aus, vergleichbar mit einer H-Bombe.

Das Standardmodell – Lambda-CDM (Lambda für Dunkle Energie, CDM für kalte Dunkle Materie) – kombiniert Urknall, Inflation, Dunkle Materie und Energie.

Probleme mit kalter Dunkler Materie

Erster Konflikt: Galaxienhaufen. Lambda-CDM prognostiziert kompakte Subhalos aus Dunkler Materie, in die normale Materie einfließt. Ein Team um Dr. Massimo Meneghetti (INAF Bologna) beobachtete 11 Haufen mit Hubble und VLT. Gravitationslinsen-Effekte auf Hintergrundgalaxien zeigten: Subhalos sind kompakter als erwartet.

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"Wir prüfen, ob Analyse oder Theorie fehlerhaft sind", sagt Meneghetti. "Andernfalls muss das Modell revidiert werden." Mögliche Alternativen: Sterile Neutrinos, Axionen oder primordiale Schwarze Löcher statt WIMPs aus Supersymmetrie.

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  • Was, wenn der Urknall nicht der Anfang war?

Die unerwartete Glätte der Materie

Zweiter Konflikt: Materieverteilung im Großen. Prof. Koen Kuijken (Leiden Observatory) analysierte KiDS-Daten von 31 Millionen Galaxien. Gravitationslinsen zeigten: Materie ist 8,3 Prozent gleichmäßiger als prognostiziert.

Risse in der Kosmologie: Warum das Standardmodell des Universums bröckelt

Die Hubble-Spannung

Dritter Konflikt: Die Hubble-Konstante. Planck-Satellit (aus CMB): 67 km/s/Mpc. Lokale Messungen (Cepheiden, Supernovae): 73 km/s/Mpc – 10 Prozent Differenz. CMB ist präzise; lokale Messungen unsicherer.

Planck ergab: 4,9 % normale Materie, 26,8 % Dunkle Materie, 68,3 % Dunkle Energie.

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Zeit für Neues?

"Das Standardmodell ist ein Eingeständnis der Unwissenheit", warnt Prof. Abraham Loeb (Harvard). Dunkle Komponenten könnten komplexer sein – wie primordiale Schwarze Löcher oder zerfallende Teilchen.

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Gravitationswellen als "Standardsirenen" könnten Klarheit schaffen. Die Natur folgt nicht immer der einfachsten Theorie.

  • Erstveröffentlichung in BBC Science Focus Ausgabe 358 – Abonnieren Sie hier.

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