Typisch für die Raumfahrt: Kaum wartet man auf eine Mission zur Venus, kommen gleich drei – DAVINCI+ und VERITAS von der NASA sowie EnVision von der ESA. Als erfahrener Planetenforscher erklärt Paul Byrne von der North Carolina State University, wie diese Missionen eine der größten Fragen der Wissenschaft angehen: Ist die Erde einzigartig?
Warum kehren wir jetzt zur Venus zurück – und warum ist das so spannend?
Es gibt zwei Hauptgründe. Erstens haben wir – insbesondere die USA – die Venus lange vernachlässigt. Zwar kreist seit über fünf Jahren der japanische Akatsuki-Orbiter um den Planeten und untersucht seine Atmosphäre, und die ESA hat ebenfalls Orbiter eingesetzt. Doch die Venus war einst das Flaggschiff der Planetenerkundung: eine große, felsige Welt, näher als der Mars, mit kürzeren Reisezeiten und häufigeren Startfenstern.
Im Gegensatz zu Erde und Mars verbirgt eine dichte Atmosphäre die Venusoberfläche vor sichtbarem Licht. Deshalb harren grundlegende Fragen seit Jahrzehnten aus, ergänzt um neue Erkenntnisse. Nun sind wir technologisch bereit, Lücken zu schließen.
Was ist der zweite Grund?
Seit etwa einem Jahrzehnt fokussiert die Exoplanetenforschung auf erd- und venusähnliche Welten: felsige Planeten nahe ihrem Stern, die leichter nachweisbar sind durch häufige Transits. Die entscheidende Frage: Gibt es andere Erden da draußen – oder sind wir einzigartig? Aktuelle Teleskope können erdgroße Planeten nicht von venusgroßen unterscheiden. Eine 'erdähnliche Welt' könnte ebenso gut eine Venus sein. Um Vorhersagen über Ozeane, Vegetation oder einen Höllenofen zu treffen, brauchen wir Daten von unserem Sonnensystem.

Warum hat es so lange gedauert?
Die NASA hat gute Gründe: Oberflächenmissionen sind extrem herausfordernd durch Hitze und Druck. Im Gegensatz zu Mars und Mond erlauben sie keine längeren Landungen. Doch Orbitalmissionen sind machbar. Interessant: 55 km über der Oberfläche herrschen erdähnliche Bedingungen – etwa 1 Bar und 0 °C. Dort könnten Luftschiffe oder Ballons operieren, wie die sowjetisch-französischen Vega-Ballons 1985 für zwei Tage demonstrierten.
Politisch und wissenschaftlich verschob sich der Fokus: 1996 sorgte der Mars-Meteorit ALH84001 für Hype um mögliches Leben, just als die NASA-Magellan-Mission endete. Dennoch ist die Venus wissenschaftlich ebenso wertvoll – viele Kollegen halten sie sogar für faszinierender.
Wie sieht die Venusoberfläche aus?
Überall etwa 470 °C, vom Äquator bis zu den Polen – ein runaway Treibhauseffekt mit 96,5 % CO2. Der Druck beträgt 90 Bar, wie 1 km unter der Erdoberfläche. Schwefelsäurerregen fällt aus Wolken, verdampft aber vor dem Boden. Elektronik versagt schnell, doch Lander wie die sowjetischen Venera-Sonden überdauern als Titan-Kugeln.
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Welche Fragen klären die Missionen?
Warum ist ein Planet, der Erde in Größe, Zusammensetzung und Orbit so ähnelt, so anders? Zwei Modelle: Entweder war Venus immer ein Magma-Ozean, zu nah an der Sonne, um Ozeane zu bilden – oder sie war einst erdähnlich mit Wasser und Plattentektonik. Das hohe Deuterium-Wasserstoff-Verhältnis (100-fach höher als auf Erde) deutet auf verlorenes Wasser hin, das einen Runaway-Effekt auslöste.
Wie liefern die Sonden Antworten?
DAVINCI+ schickt eine Sonde mit Fallschirm hinab, die Edelgase misst und klärt, ob Wasser Dampf oder Ozean war. VERITAS kartiert die Oberfläche radar-gestützt mit 10-m-Auflösung, EnVision ergänzt atmosphärische Daten.
Was bedeutet das für die Einzigartigkeit der Erde?
Szenario 1 (immer heiß) vereinfacht Exoplanetenbewertung per Sternabstand. Szenario 2 (einst habitable Venus) deutet auf Vulkane als Kipppunkt hin – wie bei Modellen von Michael Way (NASA Goddard). War es Zufall oder Zyklus? Venus könnte 'normal' sein, Erde das Ausreißerpaar.

Neue Bilder von der Oberfläche?
DAVINCI+ filmt Alpha Regio (Tessera-Terrain, 7 % der Fläche: tektonisch gefaltet, einzigartig). VERITAS liefert hochauflösende Radarkarten für Struktur, Innere und Kern.
Ausblick für Planetengeologen?
Dieses Jahrzehnt wird ein goldenes Zeitalter. Byrne fordert mehr Missionen: Neue Siliziumkarbid-Elektronik könnte Landegeräte für 60–120 Tage ermöglichen – erste Probenanalysen vor Ort.
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