„Per aspera ad astra“ – dieser lateinische Spruch aus Virgils Aeneis symbolisiert den Weg zu den Sternen. Doch welche Belastungen muss der menschliche Körper für die Kolonisierung des Kosmos ertragen?
Als Scott Kelly nach 340 Tagen im Weltraum auf die Erde zurückkehrte, brannte seine Haut bei jeder Bewegung – nicht beim Wiedereintritt, sondern später beim Sitzen, Anziehen oder Gehen. Ein Jahr in der Mikrogravitation verändert den Körper grundlegend: An Bord der Internationalen Raumstation (ISS) gewöhnte sich Kellys Haut an Schwerelosigkeit, ohne Berührungen oder Gewicht. Schuhe waren überflüssig, Kleidung schwebte frei. Zurück auf der Erde fühlte selbst ein Hemdsärmel unter der Schwerkraft schmerzhaft fremd an. Kelly selbst sagte in einer Pressekonferenz: „Die Anpassung an den Weltraum ist einfacher als die Rückkehr zur Erde.“
Seit dem Abschluss seiner einjährigen Mission 2016 dient Kelly als Studienobjekt für Experten, die Langzeitfolgen von Raumflügen untersuchen. Als seltener Fall hat er einen eineiigen Zwillingsbruder, Mark Kelly – beide ehemalige Astronauten. Diese NASA-Zwillingsstudie bot einzigartige Einblicke in physiologische, molekulare und kognitive Veränderungen.
Scott flog ins All, Mark blieb auf der Erde als perfektes Kontrollsubjekt. Die Studie lieferte Daten zu Auswirkungen auf Herz, Mikrobiom, Immunsystem und mehr – essenziell für Missionen zum Mond oder Mars, die bis zu drei Jahre dauern könnten.
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Prof. Christopher E. Mason, leitender Genetiker der Zwillingsstudie an der Cornell University, treibt ambitionierte Forschung voran. Sein „500-Jahres-Plan“ zielt auf das Überleben der Menschheit auf Erde, im Weltraum und auf anderen Planeten ab. Mason plädiert für biotechnologische Genomveränderungen, um Menschen an extreme Umgebungen anzupassen – inklusive Genen anderer Arten für interstellare Erkundung.
In seinem Buch The Next 500 Years skizziert er diese Vision. Hier ein Exklusiv-Interview:
Wie sieht die Welt in 500 Jahren aus?
Mason: „Wir haben zwei ‚Zwillingsmotoren der Entdeckung‘: Erstens Tausende Exoplaneten-Kandidaten, darunter Hunderte habitable ‚Goldilocks‘-Welten. In 500 Jahren katalogisieren wir Zehntausende, analysieren Atmosphären und wählen die besten aus.“
Und das Zweite?
„Ein genetischer Werkzeugkasten aus menschlichen und mikrobiellen Genen, um Gesundheit zu regulieren, Therapien zu entwickeln und Organismen für Langstreckenflüge zu schaffen. Mikroben produzieren Nahrung, Treibstoff – je mehr Genome, desto mehr Optionen.“

Neue Antriebe?
„Generationsschiffe könnten 20 Generationen dauern. Ich setze nicht auf Sci-Fi wie Fusionsantriebe oder Raumzeitfalten – aber sie wären ideal.“
Raumfahrt boomt aktuell?
„Ja, superexponentiell: Die Objekte im Orbit haben in den letzten zwei Jahren explodiert.“
Weltraumbelastungen jenseits Temperatur und Vakuum?
„Mikrogravitation schädigt Immun- und Gefäßsystem. Cortisolspitzen und Hautempfindlichkeit in den ersten Tagen, dann Anpassung. Rotierende Stationen oder magnetische Stiefel wie in The Expanse sind Zukunft.“
Größte Gefahr?
„Strahlung: Im Orbit äquivalent zu 5–6 Röntgenaufnahmen täglich. DNA-Schäden, gebrochene Telomere sichtbar im Blut. NASA forscht an Pharmazeutika und strahlenresistenten Genen aus Extremophilen.“
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Erfahrungen mit den Kelly-Brüdern?
„Praktisch während der Mission, jetzt freundschaftlich. Sie konkurrieren molekular: ‚Wer hat mehr Mutationen? Längere Telomere?‘“
Wie lange hielten Veränderungen an?
„Telomere verlängerten sich im All, kürzten sich schnell danach. Größenzuwachs von 5 cm schwand in Minuten. Metaboliten stiegen extrem, Knöchel schwollen basket-ball-groß – schmerzhaft.“
Biotechnische Anpassung?
„Lernen von Extremophilen: Gene für Strahlung, Temperatur, Salz. Zuerst Therapeutika wie Insulin, später Genom-Editing über Generationen – Drei-Generationen-Studien für Sicherheit.“

Einkaufsliste für Gene?
„Extreme Microbiome Project: Screenen von Kernkraftwerken, ISS-Überlebenden. Bärtierchen-Gene funktionieren in Immunzellen; T-Zell-Therapien sind Standard.“
The Expanse?
„Toll als Sonnensystem-Kolonien-Vision, aber zu tribal. Hoffe auf philosophischen Fortschritt wie Star Trek – vereinte Menschheit.“

Ethische Fragen?
„Zelluläre und planetare Freiheit: Modulare Biologie für jedes Habitat.“
Neuralink und Jurassic Park?
„Revive & Restore klont Wollmäuse in Elefanten – mit intaktem Genom machbar, sonst schwer.“
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- Erstveröffentlichung in BBC Science Focus Magazine Ausgabe 364 – Abonnieren Sie hier