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Die Wissenschaft der Angst: Was löst unsere tiefsten Ängste aus?

Im Jahr 1998 meldete eine Lehrerin an einer High School in Tennessee einen stechenden, benzinartigen Geruch in ihrem Klassenzimmer. Kurz darauf erkrankte sie mit Symptomen wie Übelkeit, Atemnot, Schwindel und Kopfschmerzen. Bald zeigten Schüler der Klasse ähnliche Beschwerden, und der Ausbruch breitete sich auf die gesamte Schule aus.

Das Gebäude wurde evakuiert, Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei eilten herbei. Am Abend nahmen lokale Notaufnahmen 80 Schüler und 19 Mitarbeiter auf; 38 blieben über Nacht stationär.

Doch was war die Ursache des mysteriösen Giftgases? Umfangreiche Untersuchungen durch Behörden ergaben nichts. Bluttests zeigten keine schädlichen Stoffe. Stattdessen, so der Epidemiologe Timothy Jones, breitete sich die Angst vor einer Vergiftung aus und verstärkte die Symptome. Ein Bericht im New England Journal of Medicine führte den Vorfall auf eine "psychogene Massenkrankheit" zurück – ein Phänomen, bei dem Angst sich wie eine Infektion ausbreitet. Die Betroffenen reagierten auf das Verhalten ihrer Umgebung mit der Überzeugung einer realen Bedrohung.

Dieser Fall in Tennessee verdeutlicht: Menschen können vor Angst erkranken, selbst ohne echte Gefahr. Die Frage bleibt: Was macht uns wirklich Angst?

Die Wissenschaft der Angst: Was löst unsere tiefsten Ängste aus?

Wovor hast du Angst?

Dr. Emily Holmes, klinische Psychologin an der University of Oxford, erforscht dies im Labor. Sie verwendet beängstigende Filmclips, um Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu simulieren – inklusive Flashbacks.

"Es gibt große individuelle Unterschiede, was Angst auslöst. Unsere Clips sollen so eindringlich sein, dass sie ungewollt im Bewusstsein haften bleiben – oft Szenen, in denen plötzlich klar wird, dass jemand verletzt oder getötet wird", erklärt Holmes. Dies entspricht der DSM-IV-Definition von Trauma: Ereignisse mit tatsächlichem oder drohendem Tod, schwerer Verletzung oder Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit.

Mit solchen Filmen erlebten Probanden wochenlang intrusive Gedanken. "Statt lauter Geräusche oder Schocks nutzen wir Clips, die langanhaltende Angst erzeugen, um PTBS nachzuahmen. Am effektivsten sind verstörende, unaufhaltsame Ereignisse", sagt Holmes.

Auch Prof. Joanne Cantor von der University of Wisconsin untersucht, wie Filme lange Angst erzeugen. Ihre Analysen von Probandenbeschreibungen zu ihren gruseligsten Filmen zeigen drei Themen: verstörende Bilder, unmittelbare Bedrohung und Kontrollverlust – ähnlich PTSD-Erinnerungen.

"Die Erinnerung weckt die ursprüngliche Emotion wieder", betont Cantor. Viele Probanden litten unter Schlaflosigkeit und Phobien. Warum unterscheiden wir nicht besser zwischen realer und fiktiver Gefahr?

Cantor erklärt: Gruselfilme aktivieren die Amygdala, unseren primitiven Angstkern. Dieser evolutionär alte Bereich reagiert auf Bedrohungen – real oder nicht – mit Kampf- oder Fluchtreflex: Herzrasen, Schwitzen, erhöhter Blutdruck. Er verbindet sich mit dem Hippocampus für Gedächtnis und lernt aus früheren Erfahrungen.

"Die Amygdala steuert instinktive Reaktionen, nicht unser Denken", sagt Cantor.

Die Wissenschaft der Angst: Was löst unsere tiefsten Ängste aus?

Angstzentrum des Gehirns

Das rationale Vorderhirn kann die Amygdala-Reaktion schwer bremsen. "Bewusstsein dämpft physiologische Reaktionen nur begrenzt", erklärt Cantor. Nach Jaws fürchten viele nicht nur das Meer, sondern auch Pools – trotz Wissens.

Filmemacher wie Hitchcock nutzen dies: Bedrohung in Alltäglichem (z.B. Dusche) und Spannung, die den Reflex aufrechterhält. Studien zu Fallschirmspringern bestätigen: Drohende Gefahr verzerrt die Zeitwahrnehmung, ähnlich wie in Psychos Duschszene.

Filme wecken oft evolutionäre Ängste: vor dem, was uns töten könnte. Prof. Andy Field (University of Sussex) zeigt, wie Serien wie Doctor Who kindliche Entwicklungsängste ansprechen – von Fremden bei Babys über Tiere/Geister bis soziale Ängste bei Teens. Solche Inhalte können sogar helfen, Ängste zu bewältigen, wenn kontextualisiert.

Angst ist nützlich, passt aber nicht immer zur modernen Welt. Neuroinformatiker Anders Sandberg (Future of Humanity Institute, Oxford) warnt: Unser System erkennt abstrakte Risiken wie Klimakrise schlecht – anders als konkrete wie Wölfe. Dennoch: Wissen schafft Kontrolle und mindert unnötige Angst.