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Genetische Genealogie: Kann sie kalte Fälle wie den Golden State Killer endgültig lösen?

Von 1976 bis 1986 terrorisierte ein maskierter Mann die Einwohner Kaliforniens: Er vergewaltigte mindestens 48 Frauen und ermordete ein Dutzend Menschen. Seine präzise geplanten Angriffe deuteten auf militärische Ausbildung hin. Nach drei Jahrzehnten galt der East Area Rapist – besser bekannt als Golden State Killer – als ungeschoren davongekommen. Der Fall war kalt.

Am 25. April 2018 verkündeten Strafverfolgungsbehörden die Festnahme von Joseph DeAngelo, einem 72-jährigen Marineveteranen und Ex-Polizisten. Ermittler hatten Samenproben von Tatorten analysiert, ein DNA-Profil erstellt und Online-Datenbanken nach potenziellen Verwandten durchsucht. Daraus entstand ein Stammbaum, der zu DeAngelo führte.

Obwohl die Nutzung von „genetischer Genealogie“ zum Fangen von Mördern logisch erscheint, ist sie komplex. „Menschen sind genetisch zu 99,99 Prozent identisch. Es gibt jedoch variable Positionen in der DNA“, erklärt Prof. Graham Coop, Populationsgenetiker an der University of California, Davis.

Genetische Genealogie: Kann sie kalte Fälle wie den Golden State Killer endgültig lösen? Genetische Genealogie: Kann sie kalte Fälle wie den Golden State Killer endgültig lösen?

Gentest-Methoden

Moderne Gentests sequenzieren DNA-Buchstaben an ausgewählten Positionen, um Profile genetischer Varianten zu erzeugen. Diese Einbuchstaben-Unterschiede, genannt Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNPs, ausgesprochen „Snips“), variieren stark zwischen Individuen.

Anbieter wie 23andMe und AncestryDNA testen rund 700.000 SNPs in Direct-to-Consumer-Tests, die Familiengeschichte, ethnische Herkunft und Krankheitsrisiken aufzeigen.

Für detaillierte Ahnenforschung laden Nutzer Profile auf Plattformen wie GEDmatch hoch. Diese vergleicht geteilte SNPs, um Verwandtschaftsgrade zu berechnen. GEDmatch speichert öffentliche Profile von über einer Million Nutzern – im Gegensatz zu privaten Datenbanken von 23andMe. Jeder mit Registrierung kann suchen, so fanden Ermittler DeAngelo. „Übereinstimmungen zu finden ist einfach, die Ermittlungsarbeit der schwierige Teil“, betont Coop.

DeAngelos Ergreifung markierte einen Wendepunkt: Datenbanken plus Stammbäume knackten kalte Fälle. „Das öffnet enormes Potenzial“, sagt genetische Genealogin CeCe Moore, die zuvor Adoptionen klärte.

Moore leitet nun die genetische Genealogie-Abteilung bei Parabon NanoLabs, die forensische Dienste für Behörden anbietet. Mit Genehmigung lud Parabon über 100 Profile auf GEDmatch hoch – anders als beim Golden-State-Killer-Profil.

Ihr erster Fall: Ein Doppelmord in Washington. Freitags hochgeladenes Profil ergab samstags Übereinstimmungen für einen Stammbaum. Montags nannte sie der Polizei William Talbott II.

Parabon bietet den Service nun allen Behörden an. Bei ausreichend Kapazitäten könnten Hunderte bis Tausende kalte Fälle gelöst werden – etwa der Zodiac Killer mit potenziellen Speichelspuren aus Briefen.

Ethische Herausforderungen

Das Fangen von Verbrechern klingt positiv, doch Datenschutzfragen drängen sich auf. Was, wenn Profile missbraucht werden – für Identitätsdiebstahl oder Diskriminierung bei Jobs basierend auf Genen?

In den USA schützt der Vierte Verfassungszusatz vor unangemessenen Durchsuchungen. „Polizei braucht Zustimmung oder richterlichen Beschluss“, erklärt Dr. Natalie Ram von der University of Baltimore School of Law. Praktisch erlaubt die „Doktrin der Aufgabe“ heimliche Proben von entsorgten Abfällen, wie bei DeAngelos DNA von einer Kaffeetasse.

Hochgeladene Profile gelten als freiwillig preisgegeben. Britisches Recht regelt nur verurteilte Kriminelle streng. „Private Firmen unterliegen ihren AGBs“, sagt Prof. Carole McCartney von der Northumbria University. Die DSGVO stärkt EU-Bürgerrechte, erlaubt aber Polizeizugriff. Britische Behörden könnten GEDmatch für US-Verwandte nutzen.

„Funktionskriechen“ birgt Risiken: Ursprüngliche Zwecke erweitern sich heimlich, wie bei der UK-DNA-Datenbank, die vor Gericht korrigiert wurde.

DNA ist fehleranfällig: Kontaminationen oder Verwechslungen möglich. „Abgleich macht Verteidigung schwer“, warnt McCartney. Gesetzestreue fragen: Wo ist der Schaden? Die Abwägung von Nutzen für Opfer und Risiken für Unschuldige bleibt individuell.

Informierte Einwilligung ist zentral. „Viele ahnen nicht, dass Profile forensisch genutzt werden“, sagt Dr. Benjamin Berkman, Bioethiker am US National Institutes of Health. GEDmatch warnte im Kleingedruckten; nach DeAngelo überarbeiteten sie Bedingungen explizit.

„Familiensuche“ betrifft Unbeteiligte: „Stellen Sie sich vor, Ihr Cousin wird verhaftet“, illustriert Berkman. Gefühle reichen von Akzeptanz bis Schuld.

Falsch-positive Treffer

Verdächtige Namen sickern in die Presse – Medien verurteilen vorab. Filmemacher Michael Usry Jr. erlebte 2014 eine partielle DNA-Übereinstimmung via Vater, inklusive Haftbefehl. Trotz Freispruch haftet der Verdacht.

Genetische Genealogie: Kann sie kalte Fälle wie den Golden State Killer endgültig lösen?

„Es ist Ihr Genom – entscheiden Sie selbst“, fasst Berkman zusammen.

CeCe Moore priorisiert Opfer: „Familien warten Jahrzehnte auf Gerechtigkeit. Diese Technik liefert endlich Abschluss.“