Auf den ersten Blick identifizieren Sie sich als Mensch. Doch basierend auf der Zellzahl in und auf Ihrem Körper sind Sie eigentlich mehr Mikroben – Billionen davon machen Ihren Körper zu ihrem Zuhause. Ihre menschlichen Gene werden von mikrobiellen Genen zahlenmäßig übertroffen. Wissenschaftler, die unsere mikrobiellen Ökosysteme (das Mikrobiom) erforschen, entdecken zunehmend, wie diese unsichtbaren Bewohner unsere Stimmung, unseren Appetit, Immunreaktionen regulieren und bei der Verdauung und dem Stoffwechsel helfen.
In gewisser Weise haben unsere Mikroben einen größeren Einfluss darauf, wer wir sind und wie wir uns fühlen, als unsere Gene, erklärt Prof. Tim Spector, Leiter der Mikrobiom-Forschungseinheit am King’s College London und Initiator des British Gut Project. „Ich kann mehr über die Gesundheit einer Person aussagen, indem ich ihr Mikrobiom analysiere, als wenn ich ihre Gene sequenziere“, betont er. Wir Menschen sind genetisch zu 99,7 Prozent identisch, während unsere Mikrobiome nur 20 bis 30 Prozent gemeinsam haben.
Eine Kartierung der Darmmikroben
Spector startete 2014 das British Gut Project, um Mikrobiome so vieler Menschen wie möglich zu kartieren und Zusammenhänge zur Gesundheit zu finden. Inspiriert von Stuhlproben aus dem Zwillingsregister des King’s College, das er 25 Jahre leitete, und dem US-amerikanischen American Gut-Projekt, lädt er die Öffentlichkeit zur Teilnahme ein. Für eine kleine Gebühr erhalten Teilnehmer Einblicke in ihre seltenen Mikrobenarten, einen Vergleich mit anderen und bald einen „Diversity Score“ – denn Vielfalt bedeutet in der Regel bessere Gesundheit.

Die Proben werden ans American Gut-Labor in San Diego geschickt. British Gut ist der europäische Ableger eines globalen Netzwerks, dessen Daten open source sind und das Earth Microbiome Project bereichern. Mikroben bevölkern unseren ganzen Körper – von Zehen bis Nase –, doch der Darm ist die Schaltzentrale, oft als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Stuhlproben offenbaren geografische Unterschiede, z. B. weniger Vielfalt bei US-Amerikanern, und Verbindungen zu Krankheiten.
Das Mikrobiom-Wissen hinkt 10 Jahre hinter der Humangenetik her, sagt Spector. Wir haben erst die Oberfläche gekratzt, identifiziert, was Mikroben tun und wie sie interagieren. Nützliche Arten fehlen oft bei Diabetes, rheumatoider Arthritis, Allergien, IBS, Colitis oder Bluthochdruck – schützend bei Gesunden.
Starke Verbindungen bestehen zur Psyche. Prof. Felice Jacka, Gründerin der Ernährungspsychiatrie am Food & Mood Lab der Deakin University, betont: „Depressionsfaktoren wie Entzündungen, Gehirnplastizität, Immunaktivierung, Genexpression, Neurotransmitter und Stressreaktion werden vom Darmmikrobiom reguliert.“
Nahrung und Medikamente wirken mikrobielle abhängig. „Bei Chemotherapie verdreifacht die richtige Mikrobiom-Zusammensetzung die Überlebenschancen“, warnt Spector. Tests und Probiotika plus Ernährungsumstellung können helfen. US-Krebszentren routinisieren das bereits, in Großbritannien nicht.
Probiotika wirken bei vielen Zuständen, z. B. verkürzen sie Durchfall bei Kindern. Prof. Jane A. Foster von der McMaster University sieht Probiotika künftig in Alltagsprodukten, warnt aber: Genetik, Stress, Ernährung, Alter und Geschlecht formen das Mikrobiom. Keine einfache Gut-vs.-Böse-Dichotomie – Interaktionen sind komplex, viele Mikroben überleben außerhalb nicht.
Glück beginnt im Darm
Signale für Ungleichgewicht: IBS, Verstopfung, Blähungen, Übergewicht, Allergien, häufige Infekte. Spector rät: Ballaststoffe verdoppeln mit Vollkorn, Bohnen, Obst, Gemüse. Fermentiertes wie Joghurt, Sauerkraut, Kimchi liefert gute Bakterien. Schlüssel: 30 pflanzliche Lebensmittel/Woche – korreliert mit höchster Vielfalt und geringster Antibiotikaresistenz.

Antibiotika mindern Vielfalt. Die Predict Study von Spector testet persönliche Nahrungseffekte via Mikrobiom, z. B. Glukosespitzen bei Brot, nicht bei Reis. Personalisierte Ernährung entsteht daraus. Mikrobentests werden Routine – günstig wie Bluttests.
„Aus 10.000 Daten könnte ich sagen, ob Sie Reis- oder Kartoffel-Typ sind“, sagt Spector. Moderate Alkoholkonsumenten haben vielfältigere Mikrobiome als Abstinenzler. Größere Datensätze enthüllen Krankheitsmuster und Diäteffekte.