Wie entstand Ihr Interesse an der Erforschung von Massen?
Als ich studierte, war die Psychologie stark vom Holocaust geprägt – das ist sie bis heute. Meine Familie ist jüdisch, mein Vater floh aus Polen. Plötzlich wurde die Frage, wie wir uns in Gruppen verhalten, zu etwas Persönlichem, das wirklich zählte. Sie wurde für mich lebendig.
Gibt es wirklich eine „Mob-Mentalität“?
Menschenmassen wurden lange als negativ betrachtet: Man verliert angeblich Identität, Moral und Kontrolle. Unsere Forschung zeigt jedoch das Gegenteil. Menschen verlieren ihre Identität nicht, sie wechseln zu einer gemeinsamen Gruppenidentität, in der die Werte und Ziele der Gruppe im Vordergrund stehen. Bestimmte Gruppen wie die Nazis hatten toxische Werte – daher waren ihre Massen destruktiv. Doch eine gemeinsame Identität kann Intimität, Respekt und Unterstützung schaffen und ist die Basis für menschliche Zusammenarbeit. Sie wirkt unglaublich stärkend.
Macht den Menschen!
Genau! Die Bürgerrechtsbewegung stellte Rassismus infrage, die Frauenbewegung Sexismus, Stonewall die Diskriminierung von Homosexuellen. Massen ermöglichen es Benachteiligten, gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen. Viele berichten, dass die stärksten Momente ihres Lebens in einer Menge stattfanden – mit dem Gefühl, etwas bewegen zu können.

Wie? Ich fühlte mich unwohl, als ich mit meinem Gesicht in der Achselhöhle eines Mannes eine Röhre fuhr …
Wir haben Teilnehmer der größten Pilgerreise der Welt untersucht: dem Prayag Magh Mela, wo alle 12 Jahre bis zu 100 Millionen Menschen zusammenkommen. Es ist laut und überfüllt, mit nur rudimentärem Abwassersystem – doch die Menschen berichten von Gelassenheit und Glückseligkeit. Es entsteht ein Gefühl von Kontrolle und Verbundenheit, das den Stresspegel senkt. Unsere Studien belegen: Das ist gut für Geist und Körper.
Warum finde ich die Januar-Verkäufe so traumatisch?
Es gibt verschiedene Arten von Massen. In psychologischen Massen teilen wir ein gemeinsames Ziel. In physischen Massen fehlt die Verbindung. Verkaufsmassen sind physisch: Niemand mag es, von Fremden zerquetscht zu werden.
Gefallen dir die Angebote?
Sie sind schrecklich. In einer Virtual-Reality-Simulation eines Feuers in der U-Bahn-Station King’s Cross teilten wir die Teilnehmer ein: Einige kamen „vom Konzert“, andere „vom Ausverkauf“. Die Konzertbesucher halfen einander und entkamen schneller. Die Käufer kooperierten nicht und waren weniger effizient. Konsum setzt uns gegeneinander – jeder ist Konkurrent. Ich meide Menschenansammlungen strikt.
Meiden Sie also die physische Masse, aber nehmen Sie die psychologische an?
Genau.