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Kann eine positive Einstellung uns wirklich gesund halten? Wissenschaftliche Belege

Niemand möchte sich erkälten. Doch es gibt eine wirkungsvolle Strategie, um das Risiko zu mindern: Glück und eine positive Lebenseinstellung.

In einer Studie aus dem Jahr 2003 wurden über 300 Freiwillige in den USA gezielt mit einem Erkältungsvirus infiziert und fünf Tage lang beobachtet. Die Ergebnisse waren klar: Teilnehmer mit der positivsten Einstellung entwickelten dreimal seltener Symptome als die Negativsten. Weitere Studien bestätigen dies.

Eine positive Haltung wirkt sich auch langfristig aus. Psychologen analysierten die Autobiografien von 180 katholischen Nonnen, verfasst im Alter von 20 bis 30 Jahren. Nonnen mit positiven Inhalten lebten im Schnitt 7 bis 10 Jahre länger.

Trotz solcher Befunde bleiben Teile der Medizin skeptisch gegenüber dem Einfluss des Geistes. Doch zunehmende Forschung zeigt: Unsere Gedanken beeinflussen direkt die körperliche Gesundheit und können sogar Beschwerden lindern. Forscher entschlüsseln nun die Mechanismen dieser Verknüpfung.

Bleiben Sie positiv

Dr. Laura Kubzansky, Co-Direktorin des Center for Health and Happiness an der Harvard T.H. Chan School of Public Health, ist eine Pionierin auf diesem Feld. In einer noch unveröffentlichten Studie mit über 70.000 US-Krankenschwestern fand sie: Die Optimistischsten leben etwa 15 % länger.

Das liegt teilweise an gesünderem Verhalten wie mehr Sport und weniger Rauchen. Doch es steckt mehr dahinter.

„Menschen mit positiven Emotionen meistern Stress besser“, erklärt Kubzansky. „Stress auslösende Prozesse wie erhöhtes Cortisol, das Entzündungen fördert, treten seltener auf.“

Weniger Stress mindert die „allostatische Belastung“ – die Abnutzung von Organen durch Dauerstress.

Kann eine positive Einstellung uns wirklich gesund halten? Wissenschaftliche Belege

Kubzansky betont: Weitere unbekannte biochemische Prozesse in unseren Zellen werden von Positivität beeinflusst.

Medizin fokussiert traditionell auf Krankheit, nicht Wohlbefinden. „Die Zeit für eine 'positive Biologie' ist reif“, sagt sie. Aktuell untersucht sie Einflüsse auf das Mikrobiom, insbesondere den Darm.

„Depressionen verändern das Mikrobiom – positiv könnte es umgekehrt wirken“, spekulierte Kubzansky. Mikrobiom beeinflusst Gewicht und Gesundheit.

Telomere austricksen

Dr. Elizabeth Blackburns Labor an der University of California, San Francisco, erforscht seit über einem Jahrzehnt den Geist-Einfluss auf Telomere – schützende Endkappen der Chromosomen.

Telomere verkürzen sich bei Zellteilung; zu kurz, und Zellen sterben. Das korreliert mit Herz- und Lungenkrankheiten.

Kann eine positive Einstellung uns wirklich gesund halten? Wissenschaftliche Belege

Blackburn erhielt 2009 den Nobelpreis für Telomere und Telomerase, die Verkürzung entgegenwirkt.

Bei gestressten Müttern von chronisch kranken Kindern waren Telomere kürzer – je länger die Pflege, desto stärker. Pessimisten und Zyniker weisen ebenfalls kürzere Telomere auf, wie eine Studie mit 400 britischen Beamten zeigte.

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Chronischer Stress erhöht Cortisol, das Telomerase hemmt. Gut: Wohlbefinden steigert Telomerase. In einer Studie mit Blackburn stieg sie nach drei Monaten Retreat um ein Drittel – durch gesteigertes Wohlgefühl, nicht nur Meditation.

Placebo-Effekt

Der Placebo-Effekt ist der prominenteste Beweis für Psyche-Kraft bei Krankheit: Eine Zuckerpille lindert Kopfschmerzen oder Erkältungssymptome – durch Erwartung.

Neuere Studien faszinieren: Blaue Placebos beruhigten Frauen vor Operationen besser, orange Männer. Placebo-Operationen wirkten oft gleich wie echte.

Dr. Alia Crum vom Stanford Mind and Body Lab plädiert: „Nutzen Sie das Potenzial!“ Eine warme Arzt-Haltung verstärkte Placebos bei Hautausschlägen.

„Placebo wirkt in jeder Begegnung“, sagt Crum gegenüber Science Focus. Schulung von Ärzten könnte helfen.

Dr. Ted Kaptchuk (Harvard) testete „offene“ Placebos beim Reizdarmsyndrom: Patienten wussten Bescheid – Symptome besserten sich um 60 %. Es wirkt bei psychosozialen Erkrankungen wie Schmerzen.

Neurotransmitter wie Endorphine sind involviert.

Macht des Geistes

Über Placebo hinaus: Ivan Pavlov konditionierte Hunde auf Speichelfluss durch Geräusche. Ähnlich bei Menschen: Behandlungen mit Geruch/Schmack koppeln, um Immunreaktionen auszulösen.

In Deutschland produzierten Freiwillige Killerzellen auf ein Bonbon. Potenzial: Schmerzlinderung, Infektionsabwehr ohne Dauertherapie.

Die Forschung zeichnet eine Zukunft, wo Geist Gesundheit prägt. Doch: Wie ändern wir die Einstellung? „Nicht einfach, aber modifizierbar mit gezielter Aufmerksamkeit“, sagt Kubzansky.

Medizin muss mitziehen: „Wissenschaft, Wille, Fantasie“, meint Kaptchuk.

  • Dieser Artikel erschien erstmals im BBC Science Focus im März 2019 – hier anmelden