Es ist tatsächlich möglich, dass Schauspieler sich vollständig in eine Rolle vertiefen. Forscher des NeuroArts Lab an der McMaster University in Kanada haben entdeckt, dass die Aktivität in Gehirnregionen, die mit Selbsterkenntnis und Selbstwahrnehmung assoziiert sind, während des Spielens abnimmt. Dieser Befund deutet auf einen vorübergehenden „Selbstverlust“ hin.
Die Studie untersuchte 15 fortgeschrittene Theaterwissenschaftsstudenten der McMaster University, die im „Method Acting“ geschult waren – einer Technik, bei der Schauspieler die Emotionen ihrer Figuren vollständig verkörpern, wie es Ikonen wie Marlon Brando, Robert De Niro und Daniel Day-Lewis popularisierten.
Unter Leitung von Steven Brown wurden die Teilnehmer jeweils viermal in einem MRT-Scanner platziert. Dort beantworteten sie Fragen in verschiedenen Modi: als sie selbst (Kontrolle), als sie selbst mit britischem Akzent, als enger Freund oder in der Rolle von Romeo oder Julia aus Shakespeares Drama.
Normalerweise erwarten Forscher eine Zunahme der Gehirnaktivität bei abweichenden Aufgaben. Hier fiel jedoch auf, dass die Aktivität in spezifischen Regionen bei den Rollen-Antworten abnahm.
„Wir beobachteten vor allem Deaktivierungen im Vergleich zur Selbst-Antwort“, erklärt Brown. „Besonders im dorsalen medialen präfrontalen Kortex, der maßgeblich für die Verarbeitung eigener Merkmale wie Körper oder Persönlichkeit verantwortlich ist.“
Zusätzlich stieg die Aktivität im Precuneus, einem Bereich für Aufmerksamkeit.
„Dies deutet auf eine geteilte Aufmerksamkeit hin: Schauspieler teilen ihr Bewusstsein zwischen Ich und Rolle, um authentisch zu wirken – etwa ohne gegen Requisiten zu stoßen“, fügt Brown hinzu.
Klinische Anwendungen sind noch nicht geplant, doch die Ergebnisse könnten Rollenspiele in Therapien gegen Angststörungen, PTBS oder in Paarberatung erklären.