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Wachtherapie: Wie kontrollierter Schlafentzug Depressionen effektiv lindert – Prof. David Veale erklärt

Die Wachtherapie ist eine innovative und vielversprechende Methode zur Behandlung von Depressionen. Sie nutzt die überraschenden Vorteile kontrollierten Schlafentzugs. Psychiater Prof. David Veale, Experte für affektive Störungen, beschreibt, wie ein 36-stündiges Wachbleiben unter strenger Aufsicht zu raschen Besserungen führen kann.

Die Entstehung der Wachtherapie

Die Idee entstand um 1967, als eine Patientin in Deutschland ihrem Psychiater mitteilte, sie bekämpfe ihre Depressionen, indem sie nachts Fahrrad fuhr. Später stellte sich heraus, dass nicht die Bewegung, sondern der Schlafentzug wirksam war. Tests zeigten: Etwa 50 Prozent erholten sich, doch 80 bis 90 Prozent dieser Patienten erlitten einen Rückfall. Die Methode schien zunächst unpraktikabel.

In den 1980er- und 1990er-Jahren führten Studien den Schlafentzug als Fußnote in Lehrbüchern auf. Erst in den späten 1990er- und 2000er-Jahren fand man Wege, die Effekte zu stabilisieren.

Seither gibt es etwa 12 Fallserien und drei randomisierte kontrollierte Studien. Sie bestätigen: Rund 50 Prozent der Patienten erholen sich – ein Ergebnis, das auch unsere Forschung und Praxis untermauert.

Für wen eignet sich die Wachtherapie?

Sie ist für Patienten mit unipolaren oder bipolaren Depressionen geeignet, also für alle Formen affektiver Störungen.

So funktioniert die Wachtherapie

Patienten werden in einer Gruppe von vier Personen mit einem Ergotherapeuten unterstützt, 36 Stunden wach zu bleiben: Freitagmorgen bis Samstag 17 Uhr.

Bei Schlafentzug bessern sich etwa 50 Prozent der Patienten innerhalb weniger Tage. Ohne Stabilisierung erleiden jedoch 80 bis 90 Prozent einen schnellen Rückfall.

Stabilisierung der Stimmungsverbesserung

Dazu kommt die „Phasenvorverlegung“ des Schlafs plus helle Lichttherapie. Samstag 17 Uhr ins Bett, Sonntag 1 Uhr aufstehen. Aktiv bleiben bis 19 Uhr. Montag 3 Uhr auf, 21 Uhr ins Bett. Dienstag 5 Uhr auf, dann normaler Rhythmus: 23 Uhr zu Bett, 7 Uhr auf.

Nickerchen sind streng verboten – sie ruinieren die Wirkung. Morgens kombiniert man es mit hellem weißem Licht (wie für saisonale Depressionen), das Melatonin unterdrückt und den zirkadianen Rhythmus neu justiert. Die Therapie setzt sich mindestens sechs Monate fort.

Was bedeutet „Erholung“?

Eine mindestens 50-prozentige Reduktion der Symptome.

Wer profitiert am meisten?

Es gibt keine sicheren Vorhersagen. Depression ist heterogen. Faktoren wie soziale Unterstützung, Trauma oder Familiengeschichte spielen eine Rolle. Besonders hilfreich bei gestörtem zirkadianen Rhythmus (frühes Aufwachen, morgendliche Tiefs) und bipolaren Depressionen, wo Antidepressiva oft scheitern.

Der zirkadiane Rhythmus als Schlüssel

Viele Depressionspatienten haben einen gestörten Rhythmus, mit schlimmeren Symptomen morgens. Melatonin wird falsch getimt. Die Therapie setzt den Rhythmus zurück, sodass Melatonin abends freigesetzt wird.

Ursachen von Depressionen

Depression hat vielfältige Ursachen wie Fieber oder Kopfschmerzen – ein Endpunkt verschiedener Prozesse. Psychologische (Grübeln), soziale, biologische (Entzündungen) Faktoren. Unser Verständnis ist begrenzt.

Schlafentzug: Gut oder schlecht?

Intermittierender Schlafentzug auf Stationen (durch Kontrollen, Lärm) verschlimmert Suizidrisiken. Kontrollierter totaler Entzug mit Nachsorge hingegen hilft.

Risiken der Wachtherapie

Nur Müdigkeit, geringes Risiko (1 %) für Manie bei Bipolaren – minimierbar mit Lithium. Kein Fahren am Folgetag.

Behandlungschoice

Bei Eignung zuerst Wachtherapie testen – schnelle Resonanz. Andere Optionen: KVT, Antidepressiva, Sport, Ernährung, soziale Netze.

Mental Health Awareness Week

Depressionen und Bipolarität sind behandelbar. Suchen Sie Hilfe!

Warnung: Nicht zu Hause ausprobieren! Bei Depressionen: Hausarzt konsultieren. Infos: mind.org.uk

  • Dieser Artikel stammt ursprünglich aus BBC Science Focus (Mai 2019) – hier abonnieren