Wir Homo sapiens sind heute die einzigen Menschen auf der Erde. Reisten Sie jedoch 100.000 Jahre in die Vergangenheit, würden Sie eine vielfältige Welt mit mehreren Homininenarten antreffen – darunter moderne Menschen, Neandertaler und Denisova-Menschen.
Forschungsteams haben aus Skelettfunden detaillierte Bilder von Neandertalern rekonstruiert, doch das Aussehen der Denisova-Menschen blieb lange rätselhaft. Nun haben Experten der Hebräischen Universität Jerusalem mithilfe innovativer DNA-Analysen erste präzise Einblicke gewonnen.
Die wenigen Denisova-Fossilien stammen aus der Denisova-Höhle im südsibirischen Altai-Gebirge, das der Population ihren Namen gab: Ein Fingerglied eines mädchenhaften Kindes, Zähne und ein Unterkieferfragment.
Aus dem Fingerglied extrahierte DNA offenbarte genetische Unterschiede zu Neandertalern und modernen Menschen. Sie lieferte jedoch nur begrenzte anatomische Details – etwa dunkle Haare, Haut und Augen beim Kind.

Forscher der Hebräischen Universität nutzten nun DNA-Methylierungsdaten, um die Anatomie erfolgreich zu modellieren. Methylierung modifiziert die Genaktivität, ohne die DNA-Sequenz (aus den Basen A, C, G, T) zu verändern.
Durch Vergleich der Methylierungsmuster mit Neandertalern und modernen Menschen identifizierten sie unterschiedlich regulierte Gene. Basierend auf bekannten Effekten mutierter Gene bei Menschen prognostizierten sie Skelettveränderungen.
"So können wir vorhersagen, welche Skelettteile betroffen sind und in welche Richtung sie sich entwickeln – etwa ein längerer oder kürzerer Oberschenkelknochen", erklärt Co-Autor David Gokhman.
Die Studie deckte 56 Merkmale auf, davon 34 am Schädel, die Denisova-Menschen von Neandertalern und/oder modernen Menschen unterscheiden. Sie teilten Neandertaler-ähnliche Züge wie ein längeres Gesicht und breiteres Becken, wiesen aber eigene Besonderheiten auf: einen größeren Zahnbogen und einen erweiterten Schädel.
"Die Erforschung der Denisova-Anatomie beleuchtet menschliche Anpassungen, evolutionäre Grenzen, Entwicklung, Gen-Umwelt-Wechselwirkungen und Krankheitsmuster", betont Mitautor Liran Carmel. "Dieser Ansatz ist ein Meilenstein Richtung DNA-basierter Anatomie-Vorhersage."