DeuAq.com >> Leben >  >> Wissenschaft

Was wäre, wenn wir uns an alles erinnern könnten? Die entscheidende Rolle des Vergessens

Weit entfernt von einem Fehler spielt die Fähigkeit zu vergessen eine zentrale Rolle im Gedächtnissystem unseres Gehirns.

Wir sprechen mit Professor Oliver Hardt, Assistenzprofessor am Institut für Psychologie der McGill University in Kanada, einem renommierten Experten für Gedächtnisforschung.

Ihre Forschung konzentriert sich auf das Vergessen …

Die meisten Menschen – und auch viele Kollegen – betrachten Vergessen als Gedächtnisversagen. In meiner Arbeit vertrete ich eine neue Perspektive: Vergessen ist eine grundlegende Funktion des Gedächtnissystems, essenziell für dessen optimalen Betrieb.

Einerseits sichern Prozesse die langfristige Erhaltung von Gedächtnisstrukturen, andererseits beseitigen aktive Mechanismen diese gezielt. Wir nennen dies den „aktiven Vergessensmechanismus“, mit dem das Gehirn Erinnerungen entfernt, um die Gedächtnisfunktion zu optimieren.

Ist Vergessen also etwas Gutes?

Ja, es ist eine echte Glückseligkeit. Die meisten Erfahrungen können wir getrost vergessen – das schärft den adaptiven Wert des Gedächtnisses. Das Gehirn behält nur, was für zukünftige Überlebensaufgaben relevant ist.

Stellen Sie sich vor, eine Situation erlaubt 20 mögliche Reaktionen aus einem umfassenden Katalog vergangener Ereignisse, doch nur zwei sind effektiv: Die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung ist hoch. Ein selektives Gedächtnis reduziert dies auf vier Optionen und erhöht die Erfolgschancen erheblich.

Wie entscheidet das Gehirn, was es behält und was es vergisst?

Das ist eine der großen Fragen unserer Disziplin. Organisiertes Vergessen ist notwendig, da wir zur Promiskuität neigen: Das Gehirn codiert alles Mögliche, weil es im Moment schwer einschätzen kann, was relevant wird.

Ereignisse passieren zu schnell, oft nur einmal. Besser: Alles speichern und später sortieren. Wir vermuten, dass viel Vergessen im Schlaf stattfindet, um unselektiver Codierung entgegenzuwirken. Andere Prozesse wirken auf verschiedenen Zeitskalen entlang der Gedächtnislebensdauer.

Gibt es eine Hierarchie im Erinnern und Vergessen?

Ja, das Gehirn priorisiert. Neuheit – etwas völlig Neues – erhöht die Erhaltungschancen, da sie Dopamin freisetzt und Gedächtnisstrukturen stabilisiert.

Überraschungen oder Emotionen wie Angst und Freude verstärken neuronale Verbindungen, machen Erinnerungen vergessensresistenter. Wiederholung, besonders beim Menschen durch Erzählen in Gruppen, filtert Relevantes heraus: Wir teilen Wichtiges, andere fragen nach, was es festigt und verteilt.

Diese soziale Verstärkung schützt vor Vergessen. Biologisch bleibt unklar, wie Wiederholung oder Emotionen Vergessenssignale blocken – meine Gruppe forscht genau daran.

Kann ein defekter Vergessensmechanismus Demenz begünstigen?

Das ist eine Hypothese von mir: Ein fester Vergessensprozess kann dysreguliert werden und Krankheiten wie Alzheimer fördern – nicht durch Erinnerungsdefizite, sondern exzessives Vergessen.

Therapien könnten diesen Prozess dämpfen. Eine Studie blockierte ihn bei transgenen Ratten mit Alzheimer-Symptomen (Plaques) und reduzierte diese, normalisierte das Gedächtnis. Eine plausible Alternative: Überaktives Vergessen treibt Gedächtnisverlust bei neurodegenerativen Erkrankungen an.