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Aggression ja, Krieg nein: Archäologische Beweise widerlegen den Mythos des angeborenen Kriegers

Sind Menschen von Natur aus kriegerisch? Viele Denker argumentieren dafür. Der Anthropologe Michael Ghiglieri beschreibt in Die dunkle Seite des Menschen, dass Krieg so alt wie die Menschheit sei und mit dem Sex um den Titel des wichtigsten Evolutionsmotors wetteifere.

In Why We Fight betont Mike Martin, dass unbewusste, evolutionär geprägte Triebe Kriege antreiben. Diese Sicht reicht zurück bis Thomas Henry Huxley (1888), der den Kampf aller gegen alle als natürliche Bedingung sah.

Konrad Lorenz, Nobelpreisträger für Ethologie (1973), sah im Menschen einen Aggressionsinstinkt aus der Evolution: "Es kann nicht den geringsten Zweifel geben, dass sich der menschliche kämpferische Enthusiasmus aus einer gemeinschaftlichen Verteidigungsreaktion unserer vormenschlichen Vorfahren entwickelt hat."

Jane Goodalls Beobachtungen kriegführender Schimpansen in Gombe (1970er) schienen zu bestätigen: Aggression und koalitionale Tötung sind ererbt.

Eine andere Theorie leitet Kriegsneigung aus Kämpfen mit Beute und Raubtieren ab. Barbara Ehrenreich (Blood Rites) erklärt den "Kampf-oder-Flucht"-Instinkt und Gruppenabwehr als evolutionäre Bausteine für Krieg.

Doch passen diese Theorien zu archäologischen Funden? Kaum. Individuelle Gewalt gab es, aber gruppenbasierte Kriege fehlen bis ca. 9000 v. Chr. – vor organisierten Gesellschaften.

Abwesenheit von Beweisen ist kein Beweis für Abwesenheit, doch Kriege hinterlassen Spuren: beschädigte Knochen, Waffen, Befestigungen. Solche finden sich erst sporadisch vor 9000 v. Chr., häufiger ab 7500 v. Chr. im Nahen Osten.

Fossilien bis 10.000 v. Chr. zeigen wenige Artgenossen-Tode, meist Kannibalismus oder individuelle Gewalt. Waffenverletzungen tauchen erst danach auf.

Befestigte Siedlungen – Zeichen für Raubangst – verbreiten sich ab 7000 v. Chr. in Europa und Nahost. Danach mehr Waffen-Tote.

Im Mesolithikum (10.000–5000 v. Chr.) und Neolithikum mehr Gewalt, doch vor 8000 v. Chr. keine Kriegsbelege, die angeborene Kriegerstimmung stützen würden.

Höhlenmalereien vor 10.000 v. Chr. (Tausende Werke) zeigen Tiere, Jagd, seltene friedliche Menschen. Nur 4 mit Pfeilverletzungen (davon 2 unsicher). Ab 8000 v. Chr. mehr Waffen und Kämpfe.

Um 8000 v. Chr. ereignete sich in Nataruk, Kenia, ein brutales Massaker.

Ausnahmen: Jebel Sahaba (Sudan, 12.000–10.000 v. Chr.) mit 24 gewalttoten Skeletten (Männer, Frauen, Kinder). Doch ein zeitgleicher Friedhof gegenüber zeigt keine Gewalt. Jebel bleibt einzigartig.

Jericho-Mauern (8300–7300 v. Chr.): Einziger Befestigungsbau seiner Zeit. Catalhöyük (Türkei, 7100–6300 v. Chr.) ähnlich isoliert.

Fossilien, Waffen, Kunst, Befestigungen belegen: Krieg war nicht präsent bei frühen Jägern-Sammlern, entstand ab 8000 v. Chr. mit sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Veränderungen zu sesshaften Gesellschaften.

Menschen haben genetische Aggressionsfähigkeit – doch keine feste Kriegsdisposition. Gesellschaft, nicht Biologie, treibt uns in den Krieg.