Schwere Entbehrungen in der Kindheit können nach neuen Forschungsergebnissen langfristige Veränderungen in Größe und Struktur des Gehirns hervorrufen.
Experten stellten fest, dass das Gehirn junger rumänischer Erwachsener, die institutionalisiert und vernachlässigt aufwuchsen, etwa 8,6 Prozent kleiner ausfiel als bei englischen Vergleichspersonen ohne solche Belastungen.
Forscher des King’s College London und Kollegen ergaben zudem: Je länger die Vernachlässigung in Waisenhäusern dauerte, desto geringer war das Gesamtgehirnvolumen.
Die Studie, erstmals publiziert in Proceedings of the National Academy of Sciences, beleuchtet die Effekte extremer frühkindlicher Deprivation auf die Gehirnstruktur junger Erwachsener.
Sie basiert auf dem langjährigen English and Romanian Adoptees (ERA)-Projekt, startend 1990, mit einer repräsentativen Stichprobe rumänischer und englischer adoptierter Kinder.
Die rumänischen Teilnehmer erlitten schwere Unterernährung, minimale soziale Interaktionen und fehlende Stimulation, ehe sie in britischen Familien aufgenommen wurden.
Vorstudien derselben Kohorte assoziierten Kindheitsdeprivation mit psychischen Störungen, reduziertem IQ und ausgeprägteren ADHS-Symptomen.
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Für diese Analyse scannten Forscher Gehirne von 67 rumänischen Probanden (23–28 Jahre) und verglichen sie mit 21 englischen Adoptierten gleichen Alters.
Ergebnis: Jeder zusätzliche Monat institutioneller Deprivation korrelierte mit 0,27 Prozent geringerem Gesamtgehirnvolumen.
Statistische Auswertungen verbanden Volumenveränderungen bei Rumänen mit ADHS-Symptomen und niedrigerem IQ.
Rumänische Erwachsene wiesen deutlich kleinere rechte untere frontale Regionen auf – in Volumen und Oberfläche. Dagegen war der rechte untere Temporallappen größer (Volumen, Oberfläche, Dicke), was mit milderen ADHS-Symptomen einherging.
Die Forscher sehen hier eine kompensatorische Anpassung des Gehirns gegen Deprivationseffekte.
Prof. Mitul Mehta, Centre for Neuroimaging Sciences, King’s College London und Studienleiter: „Wir identifizierten strukturelle Unterschiede in drei Gehirnregionen.“
„Diese sind mit Organisation, Motivation, Informationsverarbeitung und Gedächtnis assoziiert.“
„Bemerkenswert: Der rechte untere Temporallappen ist bei rumänischen Erwachsenen größer – und schützt vor ADHS-Symptomen. Das Gehirn zeigt Anpassungsfähigkeit.“