Die seltenen Fälle, in denen Patienten nach Jahren im Wachkoma plötzlich reagieren, faszinieren die Öffentlichkeit. Hinter den Schlagzeilen lauern spannende Fragen: Wie fühlt es sich an, aus einem jahrelangen "Schlaf" aufzuwachen? Waren sie bei Bewusstsein? Haben sie ihre Umgebung wahrgenommen?
Die genaue Zahl der Betroffenen ist unbekannt, da kein zentrales Register existiert. Neurowissenschaftler schätzen Tausende Fälle allein im Vereinigten Königreich – eine Zahl, die steigt, weil medizinische Fortschritte Leben nach schweren Hirnverletzungen retten. Ursachen reichen von Sauerstoffmangel (z. B. durch Schlaganfall, Herzinfarkt oder Ertrinken) bis zu Traumata.
Glücklicherweise verbessern sich Diagnosemethoden rasant. "In den letzten 15 Jahren gab es bahnbrechende Entdeckungen", erklärt Prof. Adrian Owen vom Brain and Mind Institute der Western University in Kanada. "2006 zeigten wir erstmals, dass einige Patienten bei Bewusstsein sind. 2010 kommunizierten wir mit ihnen."
Etwa 15 bis 20 Prozent der Patienten weisen Anzeichen verborgenen Bewusstseins auf. Forscher optimieren Diagnosen, verstehen Mechanismen besser und entwickeln Therapien zur Förderung der Rehabilitation.
Bewusstseinsstörungen
Koma dauert nach Verletzungen typischerweise Tage bis Wochen – mit geschlossenen Augen und lebenserhaltenden Maßnahmen. Nach dem Erwachen folgt entweder Erholung, Hirntod (mit klaren Kriterien) oder eine anhaltende Bewusstseinsstörung: vegetativer Zustand oder minimal bewusster Zustand (MCS).
"Der vegetative Zustand oder MCS sind chronische Formen", sagt Dr. Davinia Fernández-Espejo, leitende Dozentin an der University of Birmingham. Ihre Studie identifizierte kürzlich physiologische Ursachen und testet Therapien.

Im vegetativen Zustand atmen und verdauen Patienten selbstständig, wirken wach mit offenen Augen und leichten Bewegungen. Sie erschrecken bei Lärm oder ziehen die Hand weg – doch absichtliche Reaktionen fehlen. Im MCS zeigen sich Bewusstseinsblitze, Kommunikation bleibt unmöglich.
Bewusstsein erkennen
Prof. Owen nutzt fMRT: Patienten stellen sich Tennis ("Ja") oder einen Spaziergang zu Hause ("Nein") vor – unterschiedliche Hirnregionen aktivieren sich. Auf Intensivstationen hilft das bei Prognosen und Entscheidungen über Lebenserhaltung.
Neurologe Jan Claassen (Columbia University) kombinierte 2019 EEG mit KI: Bei 15 % von 104 Patienten fand sich verborgenes Bewusstsein innerhalb von vier Tagen; 44 % erholten sich teilweise in 12 Monaten.
Owen entwickelte tragbare funktionelle Nahinfrarot-Spektroskopie (fNIRS): Kleine Laser messen Blutsauerstoff. In einer Studie kommunizierte ein Patient: Er fühlte sich sicher, schmerzfrei und im Reinen mit sich.
Patient Juan Torres erlitt eine Hirnverletzung durch Aspirationspneumonie, erlebte drei Monate vegetativ und hörte Ärzte sein Gehirn für irreparabel erklären. "Er versuchte vergeblich, sich zu bewegen", berichtet Owen.
Anders als beim Locked-in-Syndrom (Paralyse mit intaktem Bewusstsein) fehlt vegetativen Patienten mit verborgenem Bewusstsein die Verbindung Thalamus zu motorischem Kortex. Kognitive Schäden sind oft milder als vermutet, sagt Fernández-Espejo.
Ihr Team testet nicht-invasive elektrische Stimulation, um Neuronen anzuregen und Bewegungen zu ermöglichen – Grundlage für Kommunikation und Rehabilitation. "Endlich können wir helfen", freut sich Fernández-Espejo.
Eine neue Hoffnung für Wachkomapatienten
Dr. Theresa Bender Pape (Northwestern University, US Department of Veterans Affairs) prüft transkranielle Magnetstimulation (TMS): Sie weckt neuronale Kettenreaktionen. Ergebnisse (Stand 2020) vielversprechend.
Ihre FAST-Therapie spielt Familienaufnahmen ab. Eine placebokontrollierte Studie 2015 zeigte schnellere Erholung; MRTs bestätigten Aktivität in Sprach- und Gedächtnisregionen.
Patientin Laura Gonzalez erholte sich nach 18 Monaten vegetativ durch TMS: Sie sitzt, kommuniziert nonverbal und lebt zu Hause. "Bei ihrem Blick stellten sich meine Nackenhaare auf", erinnert sich Pape.
- Dieser Artikel erschien erstmals in der Weihnachtsausgabe 2019 von BBC Science Focus – Sehen Sie hier das neueste Abonnementangebot