„Kopf hoch, es ist Weihnachten!“ – Wie oft haben Sie das schon gehört? In der festlichen Saison sollen wir Zynismus ablegen und das warme Leuchten der Feiertage umarmen. Der berühmte Geizhals Ebenezer Scrooge brauchte Geisterbesuche, um positiv zu werden. Heute fluten Selbsthilfebücher die Regale mit Versprechen: Nehmt euer positives Selbst an, und alles ändert sich.
Internet-Memes, Werbung und Popmusik predigen: Seid positiv, greift nach den Sternen, Träume werden wahr. Doch Forschung widerlegt das. Eine pessimistischere Haltung kann zu höherem Einkommen, besserer Gesundheit und mehr Glück führen. Es gibt wissenschaftliche Gründe für „Bah, Humbug!“.
Die größte Gefahr des ständigen Positiven Denkens: Es blockiert Handeln. Dr. Gabriele Oettingen, Psychologieprofessorin an der New York University und der Universität Hamburg, erklärte auf einer internationalen Konferenz: „Träumer sind oft keine Macher.“ Ihre 20-jährige Forschung belegt: Je positiver die Zukunftsvisionen, desto weniger Erfolg bei der Umsetzung.
Oettingens Studien decken Lebensbereiche ab. Teilnehmer positiver Gewichtsreduktions-Träume verloren weniger Kilos. Absolventen mit rosigen Job-Visionen verdienten zwei Jahre später weniger als Pessimisten. Wer von Dates fantasiert, geht seltener aus.
„Diese positiven Fantasien erkunden Möglichkeiten, sabotieren aber die Umsetzung“, sagt Oettingen, Autorin von Positives Denken neu denken. Sie wirken auf Körper und Psyche: Kurzfristig weniger Depressionen, langfristig mehr.

Positive Tagträume täuschen Erfolg vor – Energie schwindet. Oettingens Lösung: „Gesunde Portion Realität“. Identifiziert Hindernisse und plant Lösungen.
Parallelen zu Optimismus- vs. Pessimismus-Forschung. Optimismus stärkt Resilienz und Überzeugungskraft, wie Dr. Chris Dawson, Ökonom an der University of Bath, betont: „Optimisten wirken kompetent.“
Die Vorteile des defensiven Pessimismus
Es ist nicht schwarz-weiß. Für Ängstliche hilft „defensiver Pessimismus“: Niedrige Erwartungen, Worst-Case-Szenarien durchdenken, Lösungen planen – ähnlich Oettingens Realismus.
Studien stellen defensive Pessimisten strategischen Optimisten gegenüber. Beide performen gleich bei Tests wie Rechnen oder Darts. Zwingt man Pessimisten zum Optimismus, sinkt Leistung; umgekehrt bei Optimisten.
Dr. Julie Norem, Psychologieprofessorin am Wellesley College, zeigt: Ohne Pessimismus-Strategie wird Angst lähmend. „Defensive Pessimisten kanalisieren Restangst als Energie“, erklärt sie. Optimisten scheitern an ungewohnter Sorge.
Flexibilität ist möglich. Bei Brainstorming siegt Optimismus, bei Umsetzung Pessimismus, sagt Norem.
Geschäftssinn haben
In der Wirtschaft glänzt Pessimismus. Eine 2018-Studie der University of Bath, London School of Economics und Cardiff University: Überoptimistische Unternehmer verdienen 30 % weniger.
Ökonomen definieren: Optimisten überschätzen, Pessimisten unterschätzen realistisch. Pessimisten wählen Top-Projekte, verdienen mehr – verpassen aber Chancen.
Optimisten lernen: Risiken bedenken, mit Pessimisten kooperieren. „Viele sind situationsabhängig pessimistisch“, sagt Norem.
Positivität meiden macht nicht zum Scrooge. Oettingen: Wünsche können altruistisch sein. Plant Hindernisse – ohne Geister.