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Hikikomori: Weltweite Erkennung extremer sozialer Isolation – Expertenblick von Prof. Alan Teo

Hikikomori, was auf Japanisch „nach innen ziehen“ bedeutet, beschreibt einen Zustand extremer sozialer Isolation, bei dem Betroffene sich tagelang oder länger in ihrer Wohnung zurückziehen. Erstmals Ende der 1990er Jahre in Japan identifiziert, zeigen aktuelle Studien, dass dieses Phänomen weltweit weit verbreiteter ist als gedacht.

Alan Teo, außerordentlicher Professor an der Oregon Health & Science University, forscht seit über einem Jahrzehnt zu Hikikomori. Als erfahrener Experte betont er: Es ist höchste Zeit für eine klare, globale Definition, um effektive Behandlungen zu ermöglichen.

Wie lautet Ihre überarbeitete Definition von Hikikomori?

Basierend auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, frischen Daten und meiner jahrelangen Praxis mit Betroffenen – zusammen mit meinem japanischen Kollegen – überarbeiten wir die Definition. Kernmerkmal ist die physische Isolation in der eigenen Wohnung, unabhängig davon, ob es ein Zimmer oder ein Haus ist.

Ein weitverbreitetes Missverständnis ist, Hikikomori nur als extremes Extrem zu sehen. Ich habe mit Menschen gesprochen, die ihr Zimmer jahrelang nicht verlassen haben – das sind die sichtbarsten Fälle. Unsere Definition umfasst jedoch auch mildere Formen des sozialen Rückzugs.

Wir schlagen als Schwelle vor: Das Haus oder die Wohnung wird an drei oder weniger Tagen pro Woche verlassen. Diese messbare Grenze erfüllt die Kriterien für Hikikomori.

Der Begriff stammt aus Japan – doch es handelt sich nicht um ein rein japanisches Problem, oder?

Ganz und gar nicht. Genau deswegen haben wir diese neue Definition veröffentlicht. Weltweit gibt es zahlreiche Berichte über Hikikomori. Immer mehr Forscher aus Frankreich, der Türkei und anderen Ländern kontaktieren mich enthusiastisch.

Ein entscheidender Schritt in der Forschung ist eine operationalisierbare Definition – also Kriterien, die einfach messbar sind. Die Häufigkeit des Verlassens der Wohnung ist ein solches Kriterium: universell anwendbar, kulturübergreifend.

Gibt es typische Merkmale bei Betroffenen?

Jeder Mensch ist einzigartig, und kulturelle Unterschiede spielen eine Rolle. Dennoch zeigen Geschichten von Hikikomori klare Muster. Der Rückzug entwickelt sich meist schleichend, nicht plötzlich.

Frühe Stressfaktoren wie Mobbing, Schulprobleme oder gar Schulabbruch sind häufig. Diese belasten über Jahre und münden in anhaltende Isolation. Oft kommen familiäre Konflikte hinzu – etwa Kommunikationsprobleme mit Eltern bei einem 16-Jährigen.

Schulstress, familiäre Spannungen oder frühe Traumata häufen sich und führen schließlich zum Hikikomori-Syndrom.

Wie forscht man zu einem Thema, bei dem Betroffene schwer erreichbar sind?

Sie haben den Kernproblem getroffen: Der Kontakt zu Hikikomori-Betroffenen ist eine große Hürde für die Forschung – neben Finanzierungsengpässen.

Ein Ansatz: Familien einbeziehen, da sie meist zuerst Hilfe suchen. Ich erhalte täglich E-Mails von Müttern, Geschwistern oder Tanten: „Es zerreißt unsere Familie – bitte helfen Sie.“ Familien sind Schlüssel für Früherkennung.

Es gibt oft eine lange Verzögerung bis zur Diagnose. Wenn Familien Anzeichen früh erkennen, können wir früher eingreifen und besser therapieren.