Jeff Astle spielte 1970 für England bei der FIFA-Weltmeisterschaft. 2002 verstarb er mit nur 59 Jahren im Haus seiner Tochter nach Jahren mit einer demenzähnlichen Gehirnerkrankung.
Eine Obduktion 2014 offenbarte bei Astle eine chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE), eine Erkrankung, die typisch für Boxer ist. Neurochirurg Dr. Willie Stewart, der die Analyse leitete, schlussfolgerte: Wiederholte Kopfballstöße hatten die CTE ausgelöst – ähnlich wie harte Schläge bei Boxern.
Stewart leitete nun eine Studie, die zeigt: Ehemalige Profifußballer erkranken fünfmal häufiger an Demenz und sterben 3,5-mal öfter daran als die Allgemeinbevölkerung.
Seit Veröffentlichung im Oktober fordern Ex-Spieler und Fans strengere Regeln zu Kopfverletzungen. Ab 24. Februar 2020 verbot der Schottische Fußballverband Kopfball für Kinder unter 12. Untermauert die Wissenschaft dies?
Stewarts Team evaluierte Daten von über 7.000 Ex-Profis und 23.000 alters-, geschlechts- und sozioökonomisch angepassten Kontrollpersonen. Basierend auf Sterberaten und Demenzmedikamentenverschreibungen ergaben sich klare Unterschiede.
„Von 1.180 verstorbenen Fußballern starben 222 an neurodegenerativen Erkrankungen, in der Kontrollgruppe [von 23.000] nur 228 – obwohl diese dreimal größer war“, erklärt Stewart. „Wir erwarteten dreimal mehr Todesfälle.“
Die Studie zielte auf Demenzrisiken ab. Doch: War Kopfball oder Spielerkollisionen schuld? „Das lässt sich mit unseren Daten kaum trennen“, sagt Stewart. „Gehirnerschütterungen oder Stöße sind nicht dokumentiert.“
Das Team verglich Feldspieler und Torhüter: „Torhüter hatten etwas niedrigere Sterberaten, statistisch nicht signifikant. Bei Medikamenten war das Demenzrisiko jedoch nur halb so hoch.“

Aktuelle Forschung, darunter Stewarts Expertise zu Demenzpathologie im Sport, deutet auf Kopftraumata als Hauptfaktor. Drogen- oder Alkoholeinflüsse scheiden aus: „Boxer, American-Football-Spieler, Rugbyer, Fußballer, Gewaltopfer, Unfallverletzte – der gemeinsame Nenner sind Kopfverletzungen“, betont Stewart.
Das Gehirn nach Kopfstößen
Wie schädigen Kopfball und Erschütterungen das Gehirn? Dr. Magdalena Ietswaart, Psychologie-Dozentin an der University of Stirling, erforscht dies seit Jahren.
2016 fand ihr Team: Nach nur 20 Kopfstößen treten messbare Gehirnveränderungen auf. „Traumatische Hirnschäden wie Erschütterungen korrelieren mit Langzeitfolgen“, erklärt Ietswaart.
Sie maßen Gehirn-Muskel-Signale: Nach einer Session verlangsamte sich die Kommunikation – und das Gedächtnis litt. „Gesunde Gehirnchemie ist essenziell für Plastizität, Lernen und Gedächtnis.“

Die Effekte normalisierten sich nach 24 Stunden, doch Langzeitrisiken sind unklar. Kritiker bezweifeln die Relevanz: „Fußballer köpfen heute weniger, aber ohne Daten ist das nicht sicher. 20 Stöße entsprechen typischem Training – weniger macht es nicht harmlos.“
Beide Experten warnen: Ältere Lederbälle werden oft als Ursache gesehen, doch Ietswaarts Studie nutzte moderne Plastikbälle. „Keine Evidenz, dass jüngere Fußballpraktiken das Risiko mindern“, warnt Stewart.

„Ohne Belege, dass Technologie das Risiko eliminiert, setzen wir Spieler potenziell Gefahr aus.“ Besserer Umgang mit Verletzungen ist urgent: „Fußball hinkt hinter Rugby her, wo Verdachtsfälle 10 Minuten geprüft werden. Beim Fußball reichen Minuten nicht.“
Verbot oder Vorsorge?
Zu Verboten äußern sich beide zurückhaltend. „Wir wissen nicht, ob jugendliche Gehirne vulnerabler sind“, sagt Ietswaart. „Bis 23 Jahre entwickelt sich das Gehirn weiter, besonders die Frontallappen ab 14.“
Stewart: „Unter 14 köpfen Kinder im Spiel selten. Trainingsstöße für seltene Spielmomente? Erwachsene und Profis brauchen mehr Forschung, bevor wir entscheiden.“