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Orthorexie: Die Risiken einer zu perfekten Ernährung – Meine Erfahrung als Medizinstudentin

Ich war Anfang zwanzig und Medizinstudentin, als mir ein Personaltrainer in meinem Fitnessstudio vorschlug, mit Bodybuilding zu starten. Ich liebe Herausforderungen und klare Ziele, also stürzte ich mich mit einem zweimal täglichen Trainingsplan und einem strengen Ernährungsprogramm – erstellt von diesem kaum qualifizierten Trainer – in das Abenteuer. Es veränderte meine Sicht auf meinen Körper und auf Essen grundlegend.

Meine Portionen waren winzig und extrem restriktiv. Die Liste erlaubter Obst- und Gemüsesorten war kurz, die verbotener Lebensmittel endlos lang. Lange bevor Mealprepping Trend wurde, packte ich meine Mahlzeiten in kleine Boxen und nahm sie zu meinen Krankenhauspraktika mit.

Meine Freunde bewunderten meine Disziplin – doch in Wahrheit war ich ausgehungert. Abends stillte ich den Heißhunger mit einer halben Tasse Eiscreme. Essen beherrschte meine Gedanken; Perfektion bei jedem Bissen war Pflicht.

Schließlich gab ich auf. Die Besessenheit war weder geistig noch körperlich zu bewältigen. Mein Körper brach zusammen – ein gebrochenes Handgelenk durch geschwächte Knochen infolge des Gewichtsverlusts –, und mein Geist litt ebenso.

Jahre später hing ich noch immer an der 'Güte' oder 'Schlechtigkeit' von Lebensmitteln, diktiert durch jene Diät. Äußerlich sah es nach gesundheitsbewusster Hingabe aus, doch tatsächlich schadete die Fixierung Körper und Psyche.

Was ist Orthorexie?

Der Begriff Orthorexie wurde in den 1990er Jahren von Dr. Steven Bratman geprägt, der sich selbst als Alternativmediziner bezeichnete. Er beobachtete bei Patienten, die strenge Ernährungsregeln für bessere Gesundheit einhielten, eine zwanghafte, schädliche Fixierung auf Essen – ähnlich wie bei mir.

Orthorexia nervosa ist keine offiziell anerkannte psychiatrische Diagnose, wird aber erforscht und therapiert. Sie zeigt: Man kann auch zu 'sauber' essen.

Orthorexie unterscheidet sich von gesunder Ernährung durch eine extreme Fixierung auf den gesundheitlichen Wert von Lebensmitteln. Diese führt zu Beeinträchtigungen: Starre Regeln stören psychisches Wohlbefinden, soziale Kontakte und können paradoxerweise zu Mangelernährung führen.

Der Selbstwert hängt oft eng mit der Einhaltung ultragesunder Regeln zusammen.

Bratman notierte, dass Betroffene oft mit harmlosen Absichten starten: gesünder essen oder Diät halten. Studien zeigen, dass rund 38 Prozent der US-Frauen irgendwann diäten. Doch was treibt uns zu solch pathologischen Mustern?

Was verursacht Orthorexie?

Forschung deutet auf Faktoren wie Perfektionismus, frühere Essstörungen, gestörtes Essverhalten oder negatives Körperbild hin. Auch stark restriktive Diäten – etwa strenger Veganismus oder Vegetarismus – können bei Risikogruppen Orthorexie fördern.

Im Social-Media-Zeitalter ziehen Instagram-Communities für 'clean eating' viele an. Bildbasierte Plattformen vermitteln Ernährungstipps mit verführerischen Lebensstil-Ideen.

Soziale Medien werden mit psychischen Problemen in Verbindung gebracht. Mitglieder gesunder-Ernährungs-Communities leiden häufiger an Orthorexie, Symptome verschlimmern sich mit mehr Nutzungszeit.

Gesunde Ernährung wirkt erstrebenswert, pathologisches Verhalten wird normalisiert und gefeiert. Wir bewundern extreme Selbstdisziplin – kein Chip oder Riegel erlaubt.

Wir neiden strahlende Haut, perfekte Figur, versprochene Gesundheit. Enthaltsamkeit bleibt erstrebenswert, auch wenn sie schadet.

Orthorexie pervertiert ein nobles Ziel – Gesundheit – ins Gegenteil. Die Ironie: Etwas Positives wird destruktiv. Unser Drang, gesund zu wirken, kann ungesund machen.

Ich würde nie behaupten, eine volle Essstörung gehabt zu haben. Doch rückblickend schockiert es mich: Jahrzehntelang maß ich Protein in winzigen Tassen, sah Kartoffeln als Gift – wie eine Atomwaffe.

Über ein Jahrzehnt dauerte es, bis Kartoffeln zurückkehrten und ich eine wirklich gesunde Beziehung zu Essen fand. Das ist das Ziel.

Gesundheit dreht sich nicht um Influencer-Looks oder rigide Verweigerung. Extreme Selbstkontrolle, die kränkt, ist nichts zu romantisieren. Orthorexie mahnt: Zu sauber essen kann krank machen.