DeuAq.com >> Leben >  >> Wissenschaft

Warum Social Media uns wütend macht – und wie Sie ruhig bleiben lernen

Empörung hat sich zur dominanten Emotion des 21. Jahrhunderts entwickelt – oft als selbstgerechtes Ehrenabzeichen präsentiert.

Von der Gegenreaktion auf Yorkshire Tea, nachdem der konservative Politiker Rishi Sunak im Februar dieses Jahres mit einer Packung fotografiert wurde, bis hin zur hitzigen Debatte um den Brexit: Die Twitter-Massen lauern nur darauf, jeden zu "canceln", der ideologisch nicht passt. Wut wird geschürt, geteilt und verstärkt wie nie zuvor.

Egal, auf welcher Seite Sie stehen: Diese reflexartige Empörung und der blutrünstige Mob – oft ohne Kontext oder Mitgefühl für einen Fehltritt in 280 Zeichen – ist zu einem alarmierenden Phänomen geworden.

Anonym aus dem Bus heraus hat heute jeder mit Smartphone die Macht, zu schikanieren, zu beleidigen und zu demütigen. Sickert diese online-polarisierte Aggression nun ins reale Leben über? Oder spiegeln Plattformen lediglich, was bereits brodelt?

Werden wir wütender?

Es ist schwierig, wissenschaftlich zu beweisen, ob wir wütender werden oder ob wir sie nur öffentlicher ausleben. Der Gallup Global Emotions Report 2023, basierend auf 151.000 Interviews in 140 Ländern, zeigt: Seit 2016 stieg der Anteil der Menschen, die sich wütend fühlen, auf ein globales Durchschnitt von 22 Prozent. In kriegsgebeutelten Regionen liegt er bei 43 Prozent in Palästina und 44 Prozent im Irak.

Psychotherapeut und Autor Dr. Aaron Balick bestätigt: Im Internetzeitalter hat die "emotionale Ansteckung" durch Wut zugenommen. "Wut durchdringt die Bevölkerung leichter denn je."

Belege aus dem echten Leben: Angriffe auf Mitarbeiter von Transport for London stiegen in drei Jahren um 25 Prozent (von 505 auf 628). Der RAC Motoring Report 2019 ergab, dass 3 von 10 Fahrern Zeugen körperlicher Aggressionen wurden; die Angst vor aggressiven Fahrern verdoppelte sich in einem Jahr.

Früher galt Wut als Zeichen von Unbeherrschtheit. Historikerin Dr. Barbara H. Rosenwein erklärt: Wut wurde säkularisiert und verallgemeinert – "die Wut aller ist nun tugendhaft". Ob Feminismus, Öko-Aktivismus oder Brexit: Empörung drücken fühlt sich mutig an, signalisiert moralische Überlegenheit. Doch ist sie produktiv?

Warum werden wir wütend?

Dr. Nadja Heym, Psychologin an der Nottingham Trent University und Expertin für Aggression, warnt: "Aggressives Verhalten verursacht enorme wirtschaftliche Kosten – es belastet Beziehungen, Arbeit, psychische und körperliche Gesundheit."

Wut ist ein Überlebensinstinkt bei Provokation, Frustration oder Bedrohung – sie aktiviert Kampf-oder-Flucht. "Sie mobilisiert uns körperlich mit Adrenalin und Energie", sagt Heym. Herzrasen, roter Nebel: Die Amygdala feuert, doch Frontallappen und orbitofrontaler Kortex regulieren normalerweise.

Fehlregulation durch Gene, Umfeld (z. B. gewalttätige Kindheit) oder mangelndes Management verstärkt sie. Häufige Ausbrüche verknüpfen Erleichterung mit Aggression, fördern Grübeln und Schmoren – was weitere Eskalationen begünstigt.

Warum Social Media uns wütend macht – und wie Sie ruhig bleiben lernen

"Die unangenehme kardiovaskuläre Reaktion verstärkt negative Gefühle – man will sie ablassen", erklärt Heym. Aber chronische Wut überschreitet Grenzen.

Machen uns soziale Medien wütender?

Ständiger News- und Social-Media-Konsum attackiert Grenzen, Identitäten und Werte – macht uns zu Zündschnüren. "Viele sind chronisch aufgewühlt", sagt Balick.

Ähnlich wie beim Autofahren sinkt die Toleranzschwelle unter Stress. Balick, Autor von The Psychodynamics Of Social Networking, betont Anonymität: Auf Twitter nutzen mehr Fake-Accounts als auf Facebook.

Auto-Anonymität führt zu Road Rage; Zimbardos 1970-Experiment zeigte: Vermummte verabreichten doppelt so viele Schocks. Diener 1976: Kinder stahlen bei Halloween mehr anonym oder in Gruppen.

Heym: In Mobs fühlen wir uns weniger identifizierbar, eingeengt. Twitter-Mobs sind ansteckend: Ein Tweet geht viral, endet in Morddrohungen und Jobverlust.

Warum Social Media uns wütend macht – und wie Sie ruhig bleiben lernen
  • Wie man mit wütenden Menschen umgeht: von einem Verhandlungsführer bei Geiselnahmen

Likes und Retweets schüren Wut als "sensationelles Gefühl". Balick: "Emotionale Ansteckung durch heiße Emotionen wie Wut, Angst oder Sex – Algorithmen verstärken das."

Twitter-Wut verarbeitet nicht: Sprechen Sie mit Betroffenen oder Freunden – nicht mobben. "Soziale Medien sind Erweiterung realer Probleme wie Armut oder Polarisierung", sagt Balick. Filterblasen fördern Bestätigungsverzerrung.

  • Abonnieren zum Science Focus Podcast auf diesen Diensten: Acast, iTunes, Stitcher, RSS, Overcast

Wie man ruhig bleibt

Strategien von Expertin Heym: Kognitive Neubewertung – Situation umdeuten, atmen, zählen. "Beim Parkplatz-Dieb: Neu bewerten, prächst frontale Kontrolle üben."

Unterdrücken Sie nicht komplett – kanalisieren Sie durch Sport. Bei Eskalation: Verdrängen (z. B. auf Sitz schlagen). Achtsamkeit trainiert: "Negative Emotionen sind vorübergehend – beobachten hilft, effizient zu handeln."

Verbale Aggression schadet ebenso. Tipp: Zurücktreten, atmen, neu bewerten – vor dem Handeln.