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Das Rätsel des Bewusstseins: Wie ein revolutionärer Wettbewerb das größte Geheimnis der Wissenschaft knackt

Die Wissenschaft hat beeindruckende Erfolge gefeiert: Wir sind zum Mond geflogen, haben die Tiefen der Ozeane erforscht, das Atom gespalten und Computer entwickelt, die Schachweltmeister schlagen. Doch eines bleibt rätselhaft – unsere subjektive Erfahrung der Welt: das Bewusstsein.

Trotz unzähliger Theorien fehlt eine allgemein akzeptierte Erklärung. Der australische Philosoph David Chalmers unterscheidet das "leichte Problem" – biologische Prozesse hinter Wahrnehmung, Gedächtnis und Aufmerksamkeit – vom "harten Problem": Warum erzeugen diese Prozesse ein subjektives Erleben? Warum tut ein gestoßener Zeh nicht nur weh, sondern fühlt sich weh an? Hier scheitern viele Ansätze, und selbst die Existenz dieses Problems ist umstritten.

Warum ist Bewusstsein so schwer zu definieren?

Die Templeton World Charity Foundation (TWCF), gegründet vom Philanthropen John Templeton, setzt auf Fortschritt. Sie fördert Forschung, um "das Leben zu bereichern und die Grenzen des Wissens zu erweitern". Ende 2019 startete die Initiative "Accelerating Research on Consciousness" mit Millionenförderung. Ziel: Konkurrierende Theorien durch Tests reduzieren. "Erfolg wäre, wenn wir eine Theorie falsifizieren", sagt Dr. Dawid Potgieter, Initiator der Kampagne.

Der Ansatz: "Adversarial Collaboration" – Gegner arbeiten zusammen. Nobelpreisträger Daniel Kahneman unterstützt dies. Der Start fiel mit dem 100. Jahrestag von Arthur Eddingtons Test von Einsteins Relativitätstheorie zusammen – ein Meilenstein, der Newton übertrumpfte.

Bewusstsein ist jedoch trickreicher als Gravitation. Teilnehmer müssen Experimente akzeptieren, die ihre Theorien widerlegen könnten. Fünf Tests sind geplant; der erste begann 2019.

Potgieter ließ sich 2017 von einer Veranstaltung des Center for Open Science inspirieren, wo Bewusstseinsforscher ihre Isolation beklagten: "Meine Theorie ist großartig und unterbewertet – lasst uns testen!"

Die Regeln des Wettbewerbs

Christof Koch, Pionier der Bewusstseinsforschung und Präsident des Allen Institute for Brain Science, organisierte das erste Treffen. Er wählte Theoretiker, Experimentatoren, Philosophen und junge Forscher – neutral und innovativ, ohne PowerPoints.

"Ziel: Ein Experiment entwickeln, das Theorien auf die Probe stellt", erklärt Potgieter. Erfolg: Theoretiker sagen "Dieses Ergebnis widerlegt mich".

Das Rätsel des Bewusstseins: Wie ein revolutionärer Wettbewerb das größte Geheimnis der Wissenschaft knackt

Das erste Testet die Integrated Information Theory (IIT) gegen die Global Neuronal Workspace Theory (GNWT). IIT definiert Bewusstsein als minimale kognitive Struktur mit Integration und Information. GNWT sieht es als Information im globalen Workspace.

"GNWT betrachtet Bewusstsein als Botschaft, IIT als Struktur", sagt Prof. Giulio Tononi, IIT-Mitbegründer von der University of Wisconsin.

Prof. Lucia Melloni leitet das Open-Science-Experiment am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik: Vorregistriert, mit MEG, fMRT und intrakortikalen Aufzeichnungen. Probanden spielen Videospiele; neuronale Muster sollen entscheiden.

Das Rätsel des Bewusstseins: Wie ein revolutionärer Wettbewerb das größte Geheimnis der Wissenschaft knackt

GNWT prognostiziert frontale/parietale Aktivität; IIT posterioren Fokus. "Ich bin optimistisch für IIT, aber erwarte Überraschungen – das ist Wissenschaft", meint Tononi.

Weitere Tests zielen auf Higher-Order Theories, Predictive Coding und Quantentheorien.

Mechanistische vs. magische Theorien

Nicht alle sind überzeugt. Dr. Keith Frankish (University of Sheffield) bezweifelt phänomenales Bewusstsein als Gehirnprozess: "Nur Korrelationen möglich; Subjektives ist untestbar." Er plädiert für Illusionismus: Bewusstsein als Illusion.

Das Rätsel des Bewusstseins: Wie ein revolutionärer Wettbewerb das größte Geheimnis der Wissenschaft knackt

Dr. Michael Graziano (Princeton) kritisiert IIT als "magisch": "Mechanistische Theorien erklären; magische jagen Geistern nach." Er favorisiert seine Attention Schema Theory.

Das Rätsel des Bewusstseins: Wie ein revolutionärer Wettbewerb das größte Geheimnis der Wissenschaft knackt

"Warum der Geist in der Maschine suchen, statt warum die Maschine einen Geist annimmt?"

Die Zukunft der Bewusstseinstheorien

Potgieter kennt diese Debatten – sie motivierten ihn. Gegen Illusionismus: Galen Strawson nannte es 2019 "die dümmste These ever".

Das Projekt verändert Wissenschaftskultur. "Stretch-Goal: Lernen und Standards heben", sagt Potgieter. TWCF-Präsident Dr. Andrew Serazin: "Erste Zeichen positiv."

Tononi: "Engagement der Forscher inspiriert – Fortschritt möglich, auch beim Bewusstsein."

Rivalisierende Bewusstseinstheorien

1. Integrierte Informationstheorie (IIT)

Von Giulio Tononi und Gerald Edelman: Neuronale Prozesse integrieren und differenzieren Informationen für einheitliches Erleben. Kritik: Panpsychismus-Risiko.

2. Global Workspace Theory (GNWT)

Von Bernard Baars, erweitert von Stanislas Dehaene: Bewusstsein als Info im globalen Workspace (Frontal-/Parietallappen).

3. Higher-Order Theories

Joseph LeDoux et al.: Bewusstsein braucht Meta-Repräsentation erster-Ordnung-Wahrnehmungen.

4. Predictive Coding Theories

Anil Seth: Bewusstsein basiert auf Vorhersagen, nicht purer Sinnesdaten – erklärt Selbstgefühl.

5. Attention Schema Theory

Michael Graziano: Gehirn modelliert eigene Aufmerksamkeit; keine Magie.

6. Illusionismus

Keith Frankish: Phänomenales Bewusstsein als Illusion; erkläre die Intuition.

7. Quantentheorien

Roger Penrose: Quantenprozesse im Gehirn erzeugen Bewusstsein.