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Zauberpilze und Psychedelika gegen Depressionen: Ein Gespräch mit Prof. David Nutt

In den letzten zehn Jahren hat Prof. David Nutt, Edmond J. Safra Professor für Neuropsychopharmakologie am Imperial College London, das therapeutische Potenzial von Psychedelika intensiv erforscht.

Er sprach mit Jason Goodyer über seine bahnbrechenden Studien zur Anwendung von Psilocybin bei Depressionen und die Wirkungen psychedelischer Substanzen auf andere psychische Erkrankungen.

Ihre Arbeit dreht sich um psychedelische Substanzen. Was bedeutet der Begriff „psychedelisch“ eigentlich?

Der Begriff Psychedelika wurde in den 1950er Jahren von Persönlichkeiten wie Aldous Huxley, dem Autor von The Doors of Perception, geprägt. Er bedeutet wörtlich „Geist manifestieren“.

Typischerweise umfassen psychedelische Substanzen Stoffe, die veränderte Wahrnehmungs- und Bewusstseinszustände erzeugen, wie Zauberpilze, LSD, Meskalin, Peyote, DMT oder Ayahuasca. Sie wirken alle auf einen spezifischen Rezeptor im Gehirn: den Serotonin-5HT2A-Rezeptor.

Welche Rolle spielt der Serotonin-5HT2A-Rezeptor?

Das menschliche Gehirn ist reich an diesen Rezeptoren, besonders in den Bereichen, die für Denken und Selbstreflexion zuständig sind. Sie verknüpfen unser Bewusstsein mit den Sinnen. Psychedelika stimulieren diese Rezeptoren und verändern dadurch, wie das Gehirn Informationen verarbeitet.

Das Gehirn ist ein hoch effizientes Organ – zehnmal energieeffizienter als die leistungsstärksten Computer. Es lernt rasch, Vorhersagen zu treffen, und lebt diese aus, um Energie zu sparen. Statt alle 15 Millisekunden alle Eingaben neu zu berechnen, reagiert es nur auf Veränderungen und ignoriert Bekanntes sonst.

Dieser Prozess schafft eine „kleine Welt“: Das Gehirn entwickelt effiziente Gewohnheiten für Alltagsaufgaben wie den Heimweg oder Hausarbeiten – fast reflexartig. Psychedelika stören diese Automatismen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein faszinierender Aspekt unserer Forschung: Unter Psychedelika halluzinieren Menschen geometrische Muster – Quadrate, Kreise, Rechtecke, Spiralen. Die Neurowissenschaft der visuellen Wahrnehmung zeigt, dass dies die erste Stufe der Bildverarbeitung im Gehirn ist. Psychedelika unterbrechen höhere Verarbeitungsebenen, sodass Betroffene diese Grundmuster „sehen“.

Zauberpilze und Psychedelika gegen Depressionen: Ein Gespräch mit Prof. David Nutt

Zudem berichten viele von positiven Einsichten: Sie sehen die Welt neu, gewinnen Verständnis für ihr Verhalten und das anderer. Diese tiefgreifenden Erkenntnisse können zu bleibenden Veränderungen im Leben führen.

Wie sind Sie auf Psychedelika und Depressionen gestoßen?

Unsere Depressionsstudien ergaben sich aus Hirnscans mit Psychedelika. Zunächst untersuchten wir sie aus rein neurowissenschaftlichem Interesse, da sie seit 50 Jahren tabu waren. Die Scans zeigten Überraschendes: Viele Teilnehmer fühlten sich nach der Erfahrung besser, die Welt wirkte heller.

Psilocybin schaltete Bereiche ab, die Depressionen antreiben. Zudem war bei Depressiven das „Default Mode Network“ (DMN) – das Netzwerk der Selbstreflexion – überaktiv. Psilocybin störte es komplett, was die oft beschriebene Ego-Auflösung erklärt: Teilnehmer fühlten sich entrückt, schwebten hinaus.

Da Depressionen mit übermäßiger Selbstbeschäftigung einhergehen, testeten wir Psilocybin gezielt daran.

Wie haben Sie die Studien durchgeführt?

Depressionen sind die häufigste Behinderungsursache im Westen. Bestehende Therapien helfen oft nur teilweise, viele bleiben behandlungsresistent. Wir erhielten Förderung, trotz jahrelanger Hürden bei Ethik und Zulassung.

Wir rekrutierten Patienten nach Versagen von mindestens zwei Medikamenten und CBT. Zuerst eine niedrige Dosis als Test, dann 25 mg Psilocybin für eine volle Erfahrung. Zwei Therapeuten begleiteten jede Sitzung, inklusive Vorbereitung und Integration am Folgetag.

Viele durchlebten Traumata, gewannen Einsichten und verbesserten sich rasch. Die Wirkung hielt Wochen bis Monate – bei manchen sechs Monate nach einer Dosis.

Könnte das auch Suchttherapien revolutionieren?

Unsere aktuelle Forschung zielt darauf ab. Internalisierende Störungen wie Depression, Sucht, Anorexie oder OCD beruhen auf festgefahrenen, dysfunktionalen Gedankenmustern. Das Gehirn automatisiert Gewohnheiten effizient – nützlich beim Radfahren, schädlich bei Sucht.

Psychedelika könnten diese Automatismen auflösen und Freiheit schaffen, um aus dem Kreislauf auszubrechen.

  • WARNUNG: Psychedelische Substanzen sind nach britischem Recht Klasse-A-Drogen. Besitz droht bis zu sieben Jahren Haft, unbeschränkte Geldstrafe oder beides. Hilfe bei Sucht: bit.ly/drug_support