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Herdenimmunität gegen COVID-19: Kann sie uns schützen? Experten klären auf

Am 13. März 2020, als COVID-19 sich im Vereinigten Königreich ausbreitete, erklärte Sir Patrick Vallance, der leitende wissenschaftliche Berater der britischen Regierung, im BBC Radio 4-Programm Today, dass das Land ein gewisses Maß an Herdenimmunität aufbauen müsse, um die Auswirkungen des Virus zu kontrollieren. In einem Interview bei Sky News präzisierte er, dass etwa 60 Prozent der Bevölkerung infiziert werden müssten, um dies zu erreichen.

Diese Aussagen stießen auf scharfe Kritik. Über 500 Wissenschaftler britischer Universitäten appellierten an die Regierung und warnten, dass das Streben nach Herdenimmunität zu diesem Zeitpunkt "viel mehr Leben als nötig" riskieren würde.

Bei einer geschätzten Sterblichkeitsrate von etwa einem Prozent für COVID-19 – die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht wird – und einer Infektion von 60 Prozent der Bevölkerung (rund 40 Millionen Menschen) könnten Hunderttausende Todesfälle drohen.

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Was ist Herdenimmunität?

Herdenimmunität entsteht, wenn genug Menschen gegen eine Krankheit immun sind, sodass die Übertragungsketten unterbrochen werden. Je mehr Immunisierte es gibt, desto schwieriger wird es für Infizierte, die Erkrankung weiterzugeben – die Ausbreitung bremst sich selbst. Das schützt indirekt auch Vulnerable, die nicht immun sind.

Normalerweise erreicht man dies durch Impfungen. Da es keinen Impfstoff gegen COVID-19 gab, blieb nur der Weg über natürliche Infektionen und anschließende Erkrankungen mit Erholung.

Ist Herdenimmunität das Ziel?

Das britische Gesundheitsministerium stellte klar: Herdenimmunität ist kein strategisches Ziel, sondern ein natürliches Nebenprodukt einer Epidemie. „Unsere Prioritäten sind, Leben zu retten, die Schwächsten zu schützen und den NHS zu entlasten“, hieß es in einer Stellungnahme. Gesundheitsminister Matt Hancock betonte in The Telegraph: „Unser Plan basiert auf weltweit führenden Experten. Herdenimmunität ist ein Konzept, kein Ziel.“

Warum 60 Prozent Infizierte?

Woher stammt die 60-Prozent-Marke? Und erreichen wir irgendwann Herdenimmunität?

Die Ansteckungskraft einer Krankheit misst die Reproduktionszahl R0 – die durchschnittliche Anzahl Neuinfizierter pro Infiziertem. Für COVID-19 lag sie im März bei 2–3, im Vergleich zu Grippe (1,3) oder Masern (bis 18).

Herdenimmunität gegen COVID-19: Kann sie uns schützen? Experten klären auf

Der Herdenimmunitätsschwellenwert berechnet sich als 1 – (1/R0). Bei R0 = 2,5 ergibt das 60 Prozent, wie Vallance angab.

Können wir die Infektionszahl senken?

Die Infektiosität ist nicht festgelegt – im UK lag R0 später bei 0,7–0,9 (Stand 19. Juli). Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen senken R0 und damit die Schwelle. Nach Vallances Aussagen führte Boris Johnson Regeln ein, die Reisen und unnötige Kontakte minimieren.

„Diese Maßnahmen reduzieren R0“, erklärt Prof. John Edmunds, Infektionskrankheitsexperte an der London School of Hygiene & Tropical Medicine und Mitglied der Beratungsgruppe SPI-M. „Wie stark, ist neu – aber sie könnten R0 unter 1 drücken, um die Epidemie zu bremsen.“

Bei langfristig niedrigem R0 reicht weniger Immunität für Herdenimmunität; die Epidemie ebbt ab – Timing bleibt unklar.

Stoppt Herdenimmunität die Epidemie?

Edmunds warnt: Selbst bei Erreichen hört die Epidemie nicht abrupt auf – Infektionsherde bleiben. „Deshalb: Infektionszahlen am Höhepunkt minimieren.“

Dr. Jeremy Rossman, Virologie-Experte an der University of Kent, nennt drei Unsicherheiten:

Erstens: Folgt COVID-19 saisonale Muster wie Grippe oder zirkuliert ganzjährig? Kaltes Wetter könnte Wellen auslösen.

Zweitens: Mutationsrate? Grippeviren mutieren rasch, erfordern jährliche Impfungen. „COVID-19 mutiert langsamer, aber zirkulierend entstehen Varianten, die ansteckender oder immunflüchtiger werden könnten“, sagt Rossman.

Herdenimmunität gegen COVID-19: Kann sie uns schützen? Experten klären auf

Drittens: Dauer der Immunität? Erkältungs-Coronaviren schützen nur 3 Monate. „Kurzfristige Immunität bei COVID-19 möglich, langfristig unklar“, schätzt Rossman. Für Herdenimmunität bräuchten wir 1–2 Jahre Schutz – sonst hilft nur ein Impfstoff.

Wie geht es weiter?

Rossman rät: Öffentlichkeit informieren, testen, Distanz wahren. China zeigt: Eindämmung ohne Herdenimmunität möglich. „Wenn dort, dann global – herausfordernd, aber machbar.“

  • Dieser Artikel wurde erstmals im März veröffentlicht und aktualisiert