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Hatten Neandertaler eine Gesellschaft? Archäologische Erkenntnisse enthüllen ihr Sozialleben

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie "Neandertaler" hören? Klobige Höhlenmenschen mit groben Steinen, die ziellos umherirren? Oder eine faszinierende Menschenart, die uns Teile ihrer DNA vererbt hat und intelligenter war, als lange geglaubt?

Neandertaler-Funde sorgen immer für Schlagzeilen, vermitteln jedoch selten das volle Bild der bahnbrechenden Erkenntnisse der letzten drei Jahrzehnte. Viele Highlights bleiben in Fachzeitschriften verborgen, Pressemitteilungen fehlen oft am Kontext.

Unsere Sicht auf Neandertaler hat sich revolutioniert. Vor einem Jahrzehnt entdeckten wir, dass sie direkte Vorfahren sind und etwa 2 Prozent des Genoms der meisten modernen Menschen ausmachen. Das verändert nicht nur unser Wissen über die Vergangenheit – inklusive möglicherweise sechs Geburtsstadien bei Babys –, sondern auch unsere Gefühle ihnen gegenüber. Jenseits der Genetik hat die "langsame Wissenschaft" der Archäologie ihr Leben neu beleuchtet: Jahre für minimale Ausgrabungen, Laser-Scans, 3D-Modelle und umfangreiche Analysen lohnen sich.

In meinem Buch Kindred: Neanderthal Life, Love, Death and Art verknüpfe ich diese Details zu einem reichen Wandteppich ihres Lebens. Eine der größten Veränderungen betrifft ihre Gesellschaft.

Was aßen Neandertaler?

Das Leben einer ausgestorbenen Menschenart in vergangener Welt zu rekonstruieren, gelingt durch Verknüpfung vielfältiger Daten. Nehmen wir ihren Lebensunterhalt: Archäologische Funde zeigen erfahrene Jäger, die das Beste aus ihrer Umwelt machten – Rotwild, Pferde, Auerochsen oder Mammuts.

Hatten Neandertaler eine Gesellschaft? Archäologische Erkenntnisse enthüllen ihr Sozialleben

Weit entfernt von Aasfressern: Schnittspuren ihrer Werkzeuge überlagern Raubtierbisse. Große Beute wie Wollnashörner oder Mosbacher Pferde erforderten Kooperation und Planung.

Waffen und Jagd

An der Stätte Schöningen in Deutschland jagten Neandertaler vor 330.000 Jahren massive Pferde mit eleganten Fichten- und Kiefern-Speeren. Diese 1995 gefundenen Waffen widerlegen primitive Vorstellungen: Fein gearbeitet, Spitzen aus dem härtesten Holz, exzentrisch ausbalanciert für Wurfweiten über 30 Meter.

Ein 2,5 m langer Speer deutet auf ein Mehrwaffensystem hin: Wurfspieße für Distanz, Lanzen für Nahkampf. Ähnlich ein dicker Speer aus Lehringen (vor 200.000 Jahren) zwischen Elefanten-Knochen.

In der wärmeren Eem-Zeit (2-4°C über heute) jagten sie in Wäldern. An Neumark-Nord zeigen stichartige Wunden an Damhirschen Speerstöße aus Lauerstellung.

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Überall war die Jagd organisiert und kooperativ: Systematische Zerlegung, selektiver Transport von Teilen – Nahrung teilen war zentral. Kinder profitierten davon: Muskelspuren, Zahnabrieb deuten auf frühe Mitwirkung hin, inklusive Häute bearbeiten.

Neandertaler-Kindheit

Hatten sie eine "Kindheit"? An Le Rozel (Frankreich, vor 80.000 Jahren) zeigen über 1000 Fußspuren vorwiegend Jugendliche und Kinder – spielend, grabend, mit Handabdruck.

Hatten Neandertaler eine Gesellschaft? Archäologische Erkenntnisse enthüllen ihr Sozialleben

Andere Stätten bestätigen: Kinder suchten Nahrung, jagten Kleinwild. In Cova Negra (Spanien) winzige Vögel mit präzisen Schnitten – Lernübungen Jugendlicher.

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Herde sind zu Hause

Feuer waren Lebensmittelpunkt: Licht, Wärme, Aktivitätsort. Analysen zeigen mehrschichtige Herde, Werkzeugnutzung daneben, kontrolliertes Löschen. Manche schwelten an Wänden, mit Platz zum Kuscheln. Für Nomaden war "Zuhause" Familie am Feuer – auf Gräsern und Fellen.