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Human Challenge Studies für COVID-19-Impfstoffe: Sollten Freiwillige absichtlich infiziert werden?

Das Rennen um einen wirksamen COVID-19-Impfstoff gewinnt an Tempo. Weltweit sind über 150 Kandidaten in Entwicklung, von denen etwa 30 bereits klinische Tests an Menschen durchlaufen.

Einigen Experten geht der Fortschritt jedoch nicht schnell genug. Immer lauter werden Forderungen nach 'Human Challenge Studies', bei denen Freiwillige gezielt mit SARS-CoV-2 infiziert werden. Ziel: Die Impfstoffentwicklung um Monate beschleunigen und Tausende Leben retten, wie in einem Fachartikel beschrieben.

Dieser Ansatz markiert einen ethischen Meilenstein im Vergleich zu herkömmlichen Tests. In Phase III erhalten bis zu 10.000 Freiwillige entweder den Impfstoffkandidaten oder ein Placebo und gehen ihrem Alltag nach. Forscher beobachten dann, wer erkrankt. Weniger Fälle in der Impfstoffgruppe deuten auf Wirksamkeit hin.

Der Nachteil: Die Infektionsrate kann je nach Region variieren und Tests verzögern, besonders bei sinkenden Fallzahlen.

Human Challenge Studies könnten das ändern. Eine kleinere Gruppe erhält den Impfstoff, wird nach Ausbildung einer Immunantwort infiziert und engmaschig überwacht. So entstehen Echtzeitdaten zur Wirksamkeit.

Die Infektion birgt Risiken – von leichten Symptomen bis hin zu schweren Verläufen oder Tod. Dennoch haben über 32.000 Menschen bei 1DaySooner ihr Interesse an solchen Studien bekundet.

Im Juli kooperierte die Organisation (gegründet u. a. von Josh Morrison, Mitbegründer einer Nierentransplantationsinitiative) mit dem Jenner Institute der University of Oxford zur Virusproduktion für Challenge-Studien.

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'Wir sehen großes Potenzial in Human Challenge Studies, um COVID-19-Impfstoffe zu beschleunigen, Kandidaten auszuwählen, zu validieren und Strategien zu optimieren', betonte Prof. Adrian Hill, Direktor des Jenner Instituts und Entwickler eines führenden Kandidaten.

Hill unterstützt mit über 100 Wissenschaftlern einen offenen Brief an Dr. Francis Collins, Direktor der US National Institutes of Health.

1DaySooner betont ethische Standards. Im Mai veröffentlichte eine WHO-Arbeitsgruppe Richtlinien: Teilnehmer sollten junge Erwachsene ohne Vorerkrankungen sein (Sterberisiko 20–29-Jährige: ca. 1:3.200 nach chinesischen Daten vs. 1:150 allgemein). Isolation und intensive Überwachung sind obligatorisch.

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Die ethische Kernfrage: Überwiegt der gesellschaftliche Nutzen die individuellen Risiken? Prof. Seema Shah, Ethikexpertin an der Northwestern University und WHO-Mitglied, plädiert für Abwägung.

Human Challenge Studies für COVID-19-Impfstoffe: Sollten Freiwillige absichtlich infiziert werden?

'Challenge-Studien brauchen Ethikkommissions-Zulassung und geeignete Virenstämme, die infizieren, aber nicht übermäßig schaden. Das dauert Monate', warnt Shah.

Sie sieht sie nützlicher bei Folgeimpfstoffen: 'Der erste Impfstoff könnte unvollständig sein – Challenge-Studien testen Alternativen rasch.'

Sollten Studien warten, bis Heilmittel verfügbar sind oder Langzeitfolgen bekannt? 'Frühere Studien hatten Heilmittel oder umfassendes Wissen', sagt Shah. 'COVID-19-Challenges überschreiten bisherige Grenzen.'

Experten sind geteilt. Shah fordert Vorbereitung: 'Öffentliche Debatten und Transparenz sind essenziell. Challenge-Studien sind mächtig, aber müssen präzise eingesetzt werden.'