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Jung bleiben: Seneszente Zellen als Schlüssel gegen das Altern

Fortschritte im Lebensstandard und in der Medizin haben in den letzten 50 Jahren die globale Lebenserwartung von 48 Jahren im Jahr 1955 auf rund 71 Jahre heute gesteigert – mit erheblichen Unterschieden zwischen Ländern und Regionen.

Die Bevölkerungsstruktur hat sich radikal verändert: Bis 2030 wird der Anteil der über 65-Jährigen mehr als viermal schneller wachsen als der der Jüngeren. Besonders stark wächst die Gruppe der über 85-Jährigen.

Die Alterung der Weltbevölkerung gilt als eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – gleichauf mit dem Klimawandel, da sie die gesellschaftliche Ordnung bedrohen könnte, betont Tom Kirkwood, stellvertretender Dekan für Altersforschung an der Newcastle University. Denn die Meilensteine beim Hinzufügen von Lebensjahren wurden nicht durch gleiche Fortschritte beim Hinzufügen von Lebensqualität begleitet.

Ein Fünfjähriges Kind im Vereinigten Königreich kann heute mit einer Lebenserwartung von etwa 80 Jahren rechnen. Doch die letzten 15 bis 20 Jahre werden oft von schlechter Gesundheit und Abhängigkeit von Familie, Freunden und Sozialsystemen geprägt sein – Systeme, die bereits jetzt an ihre Grenzen stoßen.

Auf individueller Ebene ängstigt die Aussicht auf langes Leiden viele. Doch die Realität des Alterns lässt sich nicht länger ignorieren. Die gute Nachricht: Langes Kranksein ist nicht unausweichlich. Die Gerontologie, die Wissenschaft vom Altern, zielt primär auf die Verlängerung der Gesundheitsspanne ab – und liefert spannende Erkenntnisse.

Viele altersbedingte Beschwerden – von steifen Gelenken und brüchigen Knochen bis hin zu Herzkrankheiten, Krebs, Schlaganfall, Demenz und Sinnesverlust – teilen gemeinsame Ursachen.

Der größte Risikofaktor für all das ist das Alter selbst. Alles, was den Alterungsprozess verlangsamt, mindert dementsprechend diese Risiken.

An vorderster Front steht die Erforschung seneszenter Zellen. Unser Körper erneuert sich durch Zellteilung, bei der DNA kopiert und Tochterzellen entstehen.

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Fehler beim DNA-Kopieren häufen sich mit der Zeit und können zu schädlichen Mutationen führen. Telomere – Schutzkappen an Chromosomenenden – begrenzen die Teilungsfähigkeit.

Seneszente Zellen, die ihr Teilungslimit erreichen, sterben nicht, sondern "altern". Sie entstehen von Geburt an und schützen vor Krebs, indem sie beschädigte Zellen stoppen.

Normalerweise räumen sie Immunzellen auf. Mit abnehmender Immunkraft im Alter häufen sie sich jedoch an und schädigen Gewebe.

Diese dysfunktionalen Zellen scheiden Stoffe aus, die Kollagen abbauen – das Protein, das Haut straff hält. Ergebnis: Falten, Schlappheit und Raum für Krebszellen. Zudem fördern sie chronische Entzündungen, einen Hauptmotor des Alterns.

Forscher testen Strategien gegen seneszente Zellen: Auslöschung durch Medikamente oder Verjüngung, um sie wieder teilungsfähig zu machen.

Ich habe solche verjüngten Zellen selbst unter dem Mikroskop beobachtet – ein beeindruckendes Erlebnis! Ein Medikament oder Telomer-Manipulation kann diesen Effekt erzielen.

Beide Ansätze haben Haken: Seneszente Zellen fördern auch Wundheilung; ihr Fehlen bremst Reparaturprozesse. Bei stark alternden Organismen könnte Auslöschung riskant sein. Verjüngung birgt Krebsrisiken, da der Schutzmechanismus entfällt.

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Lynne Cox, außerordentliche Professorin für Biochemie an der University of Oxford, die mir die Zellen zeigte, warnt eindringlich: Bei Mäusen mit Tumoren explodierte das Krebswachstum.

Experimente zeigten jedoch klare Verjüngung: Mehr Muskelmasse, besserer Darm, sogar größer Hirnvolumen.

Forscher verfeinern Methoden, um Nutzen zu erhalten und Schäden zu minimieren. Klinische Anwendungen sind fern.

Der große Wert: Altern ist "plastisch" – veränderbar. Dies inspiriert Gerontologen in Genetik, Immunologie, Ernährung, Stammzellen und Neurowissenschaften.

In den USA wurde die erste Studie zu einem Anti-Aging-Medikament genehmigt – gegen Altern selber, nicht nur Symptome. Start folgt bei Finanzierung.

Kein Allheilmittel, sondern Beweis: Frühe Intervention sichert Gesundheit ins hohe Alter. Dies erfordert Paradigmenwechsel in Medizin und Politik.