Die weltweiten Raten von Fettleibigkeit und damit verbundenen Erkrankungen haben im 21. Jahrhundert epidemische Ausmaße erreicht, trotz intensiver Bemühungen von Gesundheitsdiensten, Ärzten und Ernährungswissenschaftlern.
Uns wird oft gesagt, gute Gesundheit erfordere einfach weniger Essen und mehr Bewegung. Doch ist es wirklich so unkompliziert? Als Arzt mit über 40 Jahren Erfahrung und Leiter der PREDICT-Studien weiß ich: Jeder von uns reagiert unterschiedlich auf dieselben Lebensmittel. Einheitsrichtlinien passen daher nicht allen. Viele Empfehlungen beruhen auf veralteter oder voreingenommener Forschung.
Tief verwurzelte Mythen wie 'Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit' oder 'Fett macht dick' beeinflussen uns – oft vermittelt durch die Lebensmittelindustrie, die Milliarden in verarbeitete Produkte investiert, die süchtig machen sollen.
Ernährungswissenschaft ist jung und komplex. Erst in den 1970er Jahren wurde sie ernsthaft erforscht, in der Medizin lange vernachlässigt. In meiner Ausbildung lernten wir mehr über Skorbut als über Adipositas. Gute Studien sind teuer und langwierig.

Bis vor Kurzem ignorierten wir das Darmmikrobiom – bis zu 100 Billionen Mikroben, die unsere Zellen übertreffen. Lebensmittel erzeugen mit ihnen Tausende Chemikalien, die unsere Gesundheit bestimmen. Dies revolutioniert unser Verständnis von Ernährung.
Die gute Nachricht: Forschung macht Fortschritte dank KI und Citizen Science, etwa am Weizmann Institute oder in unseren PREDICT-Studien. Es gibt keine universelle 'perfekte' Diät. Vielfalt fördert gesunde Mikroben. Kohlenhydratarme, fettreiche Ernährung kontrolliert z. B. Diabetes – entgegen alten Dogmen.
Fette schützen vor Herzkrankheiten und Diabetes, statt sie zu verursachen. Zeit, Mythen zu hinterfragen!
1. Sie sollten Kalorien zählen

Kalorien rein, Kalorien raus – diese Formel hat die Diätindustrie reich gemacht. WHO-Richtlinien nennen 2.500 kcal für Männer, 2.000 für Frauen täglich. Doch pauschale Empfehlungen sind irreführend bis schädlich.
Kalorien messen Brennwert, nicht Dickmacher-Potenzial. Grundumsatz variiert um bis 25 %, Energieverbrennung individuell. Kalorienangaben sind Schätzungen: Walnüsse wurden jahrelang um 20 % überschätzt, da Fett nicht vollständig freigesetzt wird. Maiskolben unterscheidet sich von Cornflakes.
Kochen verändert Kaloriennutzung: Tatar liefert weniger als durchgebratenes Steak. Ultra-verarbeitete Lebensmittel zerstören Strukturen, machen sie kaloriendichter. Briten essen heute weniger Kalorien als 1976, aber mehr verarbeitet.
Das Problem: Kalorien suggerieren Präzision, rechtfertigen 'light'-Produkte und verarbeiteten Müll. Hören Sie auf Ihren Körper, nicht auf willkürliche Zahlen.
2. Veganismus ist die gesündeste Ernährung

Veganer vervierfachten sich in UK von 2014–2019 – für Gesundheit, Tiere, Umwelt. Gut für Letztere, doch Gesundheitsvorteile? Studien senken Herzrisiko, nicht Sterblichkeit. Vegetarier/Veganer sterben ähnlich oft wie Omnivore (britische Studie, 5.200 Tote).
Veganer decken Protein ab, fehlen oft B12, Eisen. Vegan-Kinder wachsen langsamer, nährstoffarm. Viele pflanzliche Alternativen: ultra-verarbeitet, zucker-/salzreich (z. B. 'veganes Fischstäbchen' mit 40 Zutaten).
Pluspunkt: Pflanzenvielfalt, Ballaststoffe für Mikroben. Aber das geht auch vegetarisch/omnivor. Veganismus ist nicht per se gesünder. Reduzieren Sie Fleisch – für Protein sparen und Planeten –, aber nicht als Wunderdiät vermarkten.
3. Lokal ist immer am besten

US-Lebensmittel legen 2.414 km zurück, UK importiert 70 % Äpfel (bis 16.090 km). Transport kostet ökologisch. Lokal kaufen klingt ideal.
Doch nuanciert: Neuseeland-Lamm umweltfreundlicher als walisisches (Semantic Scholar, 2009) – effiziente Farmen, Wasserkraft. Spanische Tomaten nachhaltiger als beheizte britische.
Von 30 Mrd. Foodmiles in UK: 82 % inland, viel Auto zum Supermarkt. Lokal + saisonal + minimal verarbeitet ist top – prüfen Sie Herkunft!
4. Sie brauchen acht Gläser Wasser täglich

Wasser ist essenziell, doch 8 Gläser? Keine Belege. 10-Jahres-Studien bei Älteren: Kein Nutzen für Nieren/Sterblichkeit.
Flaschenwasser-Marketing täuscht: Markt wächst 10 % jährlich, bis 2025 215 Mrd. USD. Leitungswasser sicher, fluoridiert gut für Zähne. Gleiche Pharmareste wie Flaschenwasser. Chlor verdampft schnell.
Blindtests: Leitungswasser oft besser. Sparen Sie Plastik (0,5 Bio. Flaschen/Jahr), trinken Sie Leitungswasser.
5. Alle brauchen gleiche Ernährungsrichtlinien

50 Jahre Dogmen: Wenig Fett, viel Stärke, nie Frühstück auslassen. Wissenschaft widerlegt das – Fettleibigkeit verdreifacht.
PREDICT 1 (2020): 1.000 Personen, identische Mahlzeiten – keine Reaktion gleich, sogar Zwillinge. DIETFITS (2018): Kein Gruppenunterschied low-fat/high-fat, aber individuell riesig.
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Ära personalisierter Ernährung: Glukose-Monitoren, Heimtests, Mikrobiom-Analyse. Essen Sie vielfältig pflanzlich, experimentieren Sie – Ihr Körper weiß am besten.
6. Übung macht dünn

Bewegung liebt man: Ich radle/schwimme täglich – gesünder, lindert Krankheiten. Aber kein Wundermittel gegen Übergewicht.
Außer bei Profis: Training senkt oft Stoffwechsel, steigert Hunger – Netto weniger Kalorienverbrauch. Sportgetränke-Industrie push't das für zuckerreiche Snacks. Ernährung zählt mehr als Gym.
7. Pestizide schaden nicht

Pestizide wie Glyphosat (seit 1974) ermöglichen Massenproduktion. Häufig in Hafer etc. Studien deuten auf Lymphome hin, plus Organophosphate.
Umstritten, doch klar: Schaden Böden-/Darmmikrobiom, potenziell Immunsystem/Allergien. Langzeitexposition kumuliert, vulnerabel Schwangere/Babys.
Reduzieren: Waschen, Bio, selbst anbauen. Mehr Studien nötig.
- Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 356 des BBC Science Focus Magazine