Am 10. November 2020 startete die britische Regierung eine Konsultation zu einem umfassenden Verbot der Online-Werbung für „Junk“-Food. Diese Maßnahme baut auf einer früher im Jahr vorgestellten Anti-Adipositas-Strategie auf und war deutlich strenger als erwartet.
Nach Jahren der Untätigkeit führte die schwere COVID-19-Erkrankung von Premierminister Boris Johnson – die er auf sein Übergewicht zurückführte – zu einem Kurswechsel. Als Forscher am Centre for Diet and Activity Research (CEDAR) der University of Cambridge beobachte ich diese Entwicklungen mit großem Interesse.
Adipositas bleibt eine der größten Gesundheitskrisen im Vereinigten Königreich: Fast zwei Drittel der Erwachsenen sind übergewichtig oder adipös. Besonders alarmierend: Ein Drittel der Kinder verlässt die Grundschule mit Übergewicht, was das Risiko für Adipositas im Erwachsenenalter erhöht.
Die Pandemie hat gezeigt, dass Adipositas das Risiko für schwere Verläufe verschiedener Krankheiten steigert. Deshalb zielt das geplante Verbot aller Online-Werbung für HFSS-Lebensmittel (hoch in Fett, Zucker und Salz) darauf ab, Kinder vor ungesunden Essgewohnheiten zu schützen.
Doch wie stichhaltig ist der Beweis für die Wirksamkeit?
Im Oktober 2020 berechneten meine Kollegen am CEDAR, dass ein Verbot von HFSS-Fernsehwerbung vor 21 Uhr den täglichen Konsum solcher Anzeigen bei Kindern um durchschnittlich 1,5 pro Tag reduzieren würde. Dies könnte die Zahl adipöser Kinder um 40.000 und übergewichtiger um weitere 80.000 verringern.
Diese Studie bezog sich jedoch nur auf TV-Werbung. Kinder konsumieren heute hauptsächlich Streaming-Inhalte online, wo schätzungsweise 59 % der Lebensmittelwerbungen HFSS-Produkte bewerben.
Diese Quote überrascht mich nicht: Werbungen für Brokkoli oder Tofu sind rar, stattdessen dominieren Fast-Food-Ketten und verpackte Produkte. Der HFSS-Online-Werbemarkt für Lebensmittel und Getränke umfasst rund 438 Millionen Pfund.
Online fehlt zudem eine klare „Wasserscheide“ wie die TV-Schaltzeit, weshalb ein Totalverbot vorgeschlagen wird.
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Die Lebensmittelindustrie widersetzt sich energisch. Hersteller wie Mars und Kellogg’s fordern mehr Zeit zur Stellungnahme und warnen vor Belastungen für kleine Unternehmen, etwa ein lokales Hochzeitstorten-Geschäft auf Instagram.
Regulierer könnten jedoch Multinationale von lokalen Bäckereien unterscheiden – etwa bei Werbung für Burger versus mehrstöckige Torten.
Kinder neigen evolutionär bedingt zu kaloriendichten Lebensmitteln. Als Gesellschaft müssen wir sie in der modernen Umgebung schützen. Studien zeigen: Solche Verbote nützen besonders Kindern aus einkommensschwachen Familien und mildern sozioökonomische Ungleichheiten.
Der Teufel steckt im Detail: Welche Produkte fallen unter HFSS? Erfolg sollte nicht nur an kurzfristigen Gewichtsreduktionen gemessen werden, sondern an umfassenden, unabhängigen Evaluationen – das erfordert Zeit und Geduld.
Adipositas entsteht durch komplexe Faktoren. Ein ganzheitlicher Ansatz, inklusive sachlicher Debatten über Kinderwerbung, ist essenziell.