Prof. Dame Sue Black ist Anatomin und forensische Anthropologin. Sie ist derzeit Pro-Vizekanzlerin für Engagement an der Lancaster University.
In ihrer beeindruckenden Karriere hat sie mit dem britischen Foreign and Commonwealth Office und den Vereinten Nationen zusammengearbeitet, um Opfer und Täter anhand von Körperteilen zu identifizieren.
Ihr erstes Buch All That Remains wurde ein Bestseller der Sunday Times. Das neue Buch Written In Bone enthüllt faszinierend die Geschichten, die jeder Körperteil auch lange nach dem Tod erzählt.
Wie erlebten Sie Ihre erste Arbeit mit menschlichen Überresten?
Mein erstes Mal war im Sezierraum der Aberdeen University, mit 18 oder 19 Jahren. Der Raum glich einem Wintergarten mit Glasdecke und undurchsichtigen Fenstern – wunderschöner Parkettboden. Etwa 50 Metalltische mit weißen Laken bedeckten Leichen. Beim Abziehen des Lakens stand man dem Tod gegenüber. Die Berührung war peinlich, dann der erste Schnitt mit dem Skalpell. Niemand erklärt, wie man die Klinge befestigt – man schneidet sich oft. Dieser Moment ist ein unvergesslicher Rubikon.
- Abonnieren Sie den Science Focus Podcast auf: Acast, iTunes, Stitcher, RSS, Overcast
Was macht Ihr neues Buch Written in Bone so besonders?
Als Spezialistin für kriminelle Zerstückelung habe ich jeden Körperteil als Kapitel genommen: Was könnte ich daraus allein ableiten? Echte Fallbeispiele zeigen, wie dieser Teil entscheidend für Identifikation oder Ermittlungen war.
Was ist kriminelle Zerstückelung?
Es ist die kriminelle Zerteilung eines intakten Körpers. Selten: In Großbritannien nur 3-4 Fälle pro Jahr. Oft Panik nach ungewolltem Mord durch Streit, Alkohol oder Drogen. Statt Polizei rufen, will man die Leiche entsorgen. Ein ganzer Erwachsenenkörper ist schwer und unhandlich – Zerstückelung erleichtert Transport. Manche entstellen, um Identifikation zu verhindern, doch DNA macht das weniger relevant.
Was verraten gefundene Körperteile den Ermittlungen?
Sie sind Puzzleteile. Ziel: Geschichte rekonstruieren und vor allem identifizieren, wer es war. Zuerst: Menschlich? Wie lange tot? Bei Skeletten entscheidend – archäologisch alt? Keine Mordermittlung.

Was offenbart Fleisch an Gliedmaßen?
Im 'Gliedmaßen im Loch'-Fall fanden Taucher Plastiktüten mit abgetrennten Gliedmaßen im Loch Lomond. Knochen: Junger Erwachsener. Haarmuster: Männlich. Fußgröße ergab Beinlänge und Statur (ca. 1,80 m). Haut: Weiße Herkunft. Polizei braucht Alter, Geschlecht, Abstammung, Größe für Vermisstenlisten. Dann Umfeld untersuchen.
Prof. Dame Sue Black erklärt Amy Barrett, wie Sezierungen ablaufen, Knochen Geschichten erzählen und Täter an Handrücken identifiziert werden.
Verändert Technologie Ihre praktische Arbeit?
Technik hilft bei Bildidentifikation, z. B. bei Kindesmissbrauchsfotos mit Täter-Handrücken. Anatomische Merkmale wie Venenmuster (rechts/links unterschiedlich, auch bei Zwillingen), Hautfalten, Sommersprossen sind einzigartig. Seit 16 Jahren halfen wir bei 30 lebenslangen und 400 Jahren Haft.

KI und maschinelles Lernen scannen Tausende Bilder: Hand finden, Muster analysieren, mit Datenbanken abgleichen – Fälle verbinden.
Unglaublich!
Wissenschaft ist cool! Sie löst Probleme, stellt Gerechtigkeit her – für Individuen, Gemeinschaften, Nationen. Unbeantwortete Fragen machen es zur spannendsten Detektivarbeit.
- Erstveröffentlichung in Ausgabe 356 von BBC Science Focus.