Dr. Adam Powell ist leitender Forscher im Projekt „Hearing the Voice“ an der Durham University und COFUND-Nachwuchswissenschaftler in der Abteilung für Theologie und Religion. In diesem Interview erklärt er seine Untersuchungen zu spiritistischen Medien, die angeben, auditive Botschaften von Verstorbenen zu empfangen.
Ihre Forschung konzentriert sich auf die Eigenschaft „Absorption“. Was bedeutet das genau?
Absorption beschreibt die Neigung, sich tief in Gedankenwelten zu versenken, mentale Bilder lebhaft zu erleben oder in veränderten Bewusstseinszuständen aufzugehen. Studien zeigen, dass hohe Absorptionswerte mystische Erlebnisse bei Psychedelika-Konsumenten vorhersagen. Unter MDMA-Nutzern berichteten Personen mit starker Absorption häufiger von solchen Erfahrungen. Es korreliert zudem mit Dissoziation und Offenheit für neue Erlebnisse.
Warum haben Sie Absorption mit dem Spiritismus in Verbindung gebracht?
Akademiker erforschen seit Langem, warum Menschen religiöse Erfahrungen wie „Gottes Stimme hören“ machen. Die Anthropologin Tanya Luhrmann hat überzeugend gezeigt, dass Absorptionsskala und -werte die Intensivität solcher Erlebnisse vorhersagen. Wir untersuchten, ob hellhörige Medien – die auditive Geisterbotschaften wahrnehmen – ähnliche Tendenzen aufweisen und wie sie diese erleben. Bisherige Arbeiten beleuchten dies selten detailliert, obwohl Debatten über Parapsychologie oder psychiatrische Halluzinationen existieren.
Welche zentralen Ergebnisse lieferte Ihre Studie?
Spiritisten schnitten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe höher bei Absorption und akustischen Halluzinationen ab. Etwa 20 Prozent berichteten von Erfahrungen, so lange sie denken können; über 70 Prozent hatten vor dem Kontakt zum Spiritismus unerklärliche Erlebnisse, die sie nun spirituell deuten. Zudem zeigten sie geringe Bindung an soziale Erwartungen an ihre Identität – passend zu subjektiver Spiritualität.
Wie beschreiben Spiritisten diese Erlebnisse?
In laufenden Interviews gaben 65 Prozent an, die Erfahrungen innerlich im Kopf zu hören. Die Mehrheit empfindet sie nicht als externe Geräusche; rund 30 Prozent erleben sie innen und außen. Im Unterschied zu komplexen Schizophrenie-Halluzinationen sind sie einfach: Ein Wort oder Bild, das wie ein blinkendes Neonlicht erscheint.
Unterscheidet sich das von Schizophrenie – oder liegt es auf einem Spektrum?
Unsere Ergebnisse unterstützen ein Spektrum des Stimmhörens: 5–15 Prozent der Bevölkerung hören lebenslang Stimmen, bis zu 60 Prozent halluzinatorische Erlebnisse. Kulturell akzeptiert sind z. B. Stimmen Verstorbener in der Trauer. Spiritisten und Gottesanhörer passen hier hinein.
Können Spiritisten diese Erfahrungen kontrollieren?
Ja, viele sehen es als trainierbare Fähigkeit. Sie widersprechen Stimmen („Komm später!“), reduzieren Häufigkeit oder rufen sie bewusst herbei. Verfeinerte Medien haben tägliche, aber willentliche Kontakte.
Macht Kontrolle die Erfahrung positiver?
Genau das postulieren wir: Kontrollierbare Stimmen wirken weniger bedrohlich, besonders in individualistischen Kulturen. Zudem sehen Spiritisten Botschaften oft als für Dritte bestimmt – sie vergessen sie nach der Weitergabe, im Gegensatz zu Schizophrenie, wo Stimmen persönlich zielen.
Welche Implikationen hat Ihre Forschung?
Sie bereichert Diskussionen zur psychischen Gesundheit, ohne Gleichsetzungen. Warum trösten Stimmen 60 Prozent der Spiritisten trotz traumatischer Ursprünge? Ergänzende Studien umfassen fMRI-Scans und hypnagoge Zustände am Schlafrand, wo viele erste Erlebnisse begannen – ähnlich Schlafparalyse, verstärkt durch Pandemie-bedingten Schlafmangel.
- Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 360 des BBC Science Focus Magazine.