Christian Clot, Entdecker, Forscher, Autor und Leiter des Human Adaptation Institute, berichtet vom Deep-Time-Experiment. 15 Freiwillige verbrachten 40 Tage in einer Höhle unter den Pyrenäen – ohne natürliches Licht, Uhren oder Kontakt zur Außenwelt.
Warum haben Sie dieses Experiment durchgeführt?
Unser Ziel war es, die menschliche Anpassungsfähigkeit zu erforschen: Wie passen wir uns neuen Umgebungen, Situationen oder Herausforderungen an? In Ländern wie Großbritannien oder Frankreich führen viele ein geregeltes Leben. Doch wie verändert sich unser Verhalten abrupt, wenn alles kippt?
Die COVID-19-Pandemie hat das gezeigt: Viele Menschen verloren das Zeitgefühl, wussten nicht mehr, ob sie essen sollten oder was als Nächstes kommt. Deshalb entwickelten wir das Deep-Time-Projekt: Freiwillige in eine Höhle schicken, isoliert von Zeit und Welt. Die Ergebnisse waren verblüffend.

Hatten Sie eine Vorstellung, was passieren würde?
Ja, basierend auf früheren Studien wie denen von Michel Siffre in den 1960er- und 1970er-Jahren in Frankreich oder deutschen Höhlenexperimenten. Teilnehmer verfielen auf 25- oder 48-Stunden-Rhythmen. Auch das Mars-500-Projekt der ESA und des russischen Instituts lieferte Hinweise – doch dort war es eine Simulation, kein echtes Überleben.
Deshalb wählten wir eine echte Höhle für authentische Bedingungen.
Wie waren die ersten Tage?
Die Nächte waren am verstörendsten: Man wachte auf, ohne zu wissen, ob es Nacht oder Tag war. Ohne Uhren, Handys oder Sonnenlicht musste man die Zeit loslassen. Nach sieben Tagen setzten wir Ziele und organisierten uns besser – danach wurde es leichter. Doch nach 10 Tagen schlug die Müdigkeit zu.
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Überraschte Sie die schnelle Anpassung der Gruppe?
Absolut. Frühere Experimente waren hart. Eine diverse Gruppe ist ideal: Unsere 15 Teilnehmer kamen aus verschiedenen Hintergründen in Frankreich. Bei Konflikten fand sich immer eine Lösung – schneller als im Alltag.
Synchronisierten sich die Schlafzyklen?
Teilweise. Jeder hatte seinen Rhythmus, doch wir passten uns aneinander an. Am Ende schätzten wir 30 statt 40 Tage – ein Schock. Unsere Biologie folgte nicht der Uhrzeit, sondern dem Gruppenzusammenhalt. Das ist neu und muss weiter erforscht werden.

Wie fühlte es sich an, uhrenfrei zu leben?
Gegen Ende nahmen wir uns die richtige Zeit für alles – ohne Druck. In der Höhle fühlten wir uns freier, nicht der Uhr unterworfen. Die meisten wollen zurück.
Wie wendet man das im Alltag an?
Die Rückkehr war hart: Über eine Woche brauchte ich, um Neuigkeiten zu verarbeiten. Ich reduziere nun Handyzeit. Die Teilnehmer wirkten trotz Härten glücklich. Wir müssen über unsere Zeitbeziehung nachdenken – nicht alle können in Höhlen leben.

Welche Daten sammelten Sie?
Drei Bereiche: Biologische (Temperatur, Blutproben, Schlaftracking), kognitive (Tests, EEG, MRT-Scans) und emotionale (Haut- und Herzsensoren, Fragebögen). Plus die Höhle selbst: Ihr Staunen fördert Anpassung.

Fehlte anderen Missionen das Abenteuer?
Genau. Die Höhle mit ihrem See weckte Begeisterung. Das motivierte und machte glücklich – essenziell für Resilienz.
Was kommt als Nächstes?
12 Teams analysieren die Daten. 2022: Dasselbe Team in Regenwald oder Wüste, um Umwelteinflüsse zu testen. Wie passt sich das Gehirn an?