Ein internationales Team von Neurowissenschaftlern und Neurochirurgen hat nach sieben Jahren Forschung geklärt, wie das menschliche Gehirn Sprache verarbeitet. Die Erkenntnisse widersprechen der gängigen Lehrmeinung und könnten unser Verständnis von Hör- und Sprachstörungen revolutionieren.
Anstatt gesprochene Laute schrittweise in Worte umzuwandeln, bearbeitet das Gehirn akustische Signale und sprachliche Bedeutungen gleichzeitig – jedoch in zwei getrennten Regionen.
Diese Entdeckung, geleitet von Experten wie Dr. Edward Chang von der University of California, San Francisco (UCSF), könnte Therapien für Störungen wie Legasthenie vorantreiben.
Die Herausforderung lag in der Topographie: Der auditive Kortex, zentral für die Sprachverarbeitung, ist tief zwischen Stirnlappen und Schläfenlappen verborgen. Hohe Auflösung war essenziell für präzise Messungen.
Fortschritte in der Bildgebungstechnik und die Kooperation mit neun Patienten vor Gehirnoperationen ermöglichten dem Team aus Kanada und den USA, diese Frage zu lösen.
„Wir erwarteten, dass Laute auf niedriger Ebene in höhere Wortrepräsentationen umgewandelt werden“, erklärt Dr. Edward Chang von der UCSF, Mitautor der Studie.
Beim Hören wandelt die Cochlea Schallwellen in elektrische Signale um, die an die Hör-rinde gelangen. Bisher gingen Forscher von einer sequentiellen Verarbeitung im primären auditiven Kortex aus – zuerst Frequenzen, dann Silben und Worte.
„Bei der Stimme eines Freundes werden Frequenztöne zunächst im primären auditiven Kortex abgebildet, bevor sie in Silben zerlegt werden“, so die alte Theorie.

„Stattdessen zeigte sich: Der nicht-primäre auditive Kortex arbeitet unabhängig – ein paralleler Pfad existiert“, berichtet Chang überrascht.
Um dies zu prüfen, stimulierten die Forscher den primären Hör-kortex mit harmlosen Strömen. Die Patienten verstanden Sprache weiterhin einwandfrei.
Stimulation des nicht-primären Bereichs hingegen storperte massiv: „Ich höre Sie, verstehe aber die Worte nicht“, sagte ein Patient. Ein anderer empfand vertauschte Silben.
„Es gibt keinen seriellen Fließband-Prozess, sondern parallele Wege“, fasst Chang zusammen.
Die Studie markiert einen Meilenstein, wirft aber neue Fragen auf: Warum parallele Verarbeitung? Menschenspezifisch? Anatomische Basis? Welche Rolle spielt der primäre Kortex sonst?
„Es wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet“, betont Chang.