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Desinfektionsmittel beiseitelegen: Sollten wir nützliche Bakterien in Haus und Stadt einladen?

Seit Generationen bekämpfen wir die Bakterien und Mikroorganismen in unseren Häusern konsequent – mit Desinfektionsmitteln auf Oberflächen, um Keime fernzuhalten und gesund zu bleiben. Diese Strategie wurde besonders während der Pandemie populär, um SARS-CoV-2 in Schach zu halten.

Doch neuere Erkenntnisse fordern diesen Ansatz heraus. Zwar sind einige Mikroben schädlich und Hygiene bleibt essenziell, um Pathogene wie SARS-CoV-2 fernzuhalten – dennoch mehren sich Belege, dass viele Mikroorganismen uns guttun.

Wir haben unabsichtlich die nützlichen Mikroben in unseren Wohnräumen, Küchen und Gärten verdrängt und eine feindliche Umgebung geschaffen. Während Probiotika im Körper seit Langem etabliert sind, rückt nun die probiotische Behandlung von Häusern und Städten in den Fokus.

Die Erforschung unserer unsichtbaren mikrobiellen Welt boomt seit einem Jahrzehnt. Im Mai 2021 veröffentlichte ein globales Projekt mit 900 Wissenschaftlern und Freiwilligen aus 60 Städten Ergebnisse: Abstriche von U-Bahn-Geländern, Bussen und Automaten ergaben 10.928 neue Viren und 1.302 unbekannte Bakterien.

Leitung: Prof. Christopher Mason von der Weill Cornell Medicine (USA). Jede Stadt hat ihre einzigartige mikrobielle Signatur – ob London, Hongkong oder Paris.

Davor das 'Wild Life of Our Homes'-Projekt der North Carolina State University: Wir teilen unser Zuhause mit rund 9.000 Mikrobenarten. Weitere Studien deckten Mikroben in Mensen und Einkaufszentren auf.

Desinfektionsmittel beiseitelegen: Sollten wir nützliche Bakterien in Haus und Stadt einladen?

Dieser Forschungsboom dank schneller Gensequenzierung und Supercomputern – die Stadt-Mikrozählung brauchte zwei in Pittsburgh für acht Billionen Genbasen.

'Es ist wie die Entdeckung von Pflanzen auf Kontinenten', erklärt Prof. Noah Fierer (University of Colorado Boulder, beteiligt am Homes-Projekt). 'Wir verstehen erst jetzt unsere tägliche Mikroben-Exposition via Nahrung, Luft, Wasser oder Oberflächen – und deren Gesundheitseffekte.'

Wir identifizieren Schadmikroben gut, nützliche jedoch schwerer – Effekte können alters-, dosis- oder kombinationsabhängig sein, betont Fierer.

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Belege für positive Wirkungen mehren sich: Bestimmte Bakterien fördern körperliche und mentale Gesundheit.

Städte bieten vielfältige, oft unwirtliche Mikrobenhabitate, sagt Prof. Jack Gilbert (UC San Diego). Von Pflanzen über Beton bis Plastik – nur nährstoff- und feuchtigkeitsreiche Orte gedeihen.

Städtische Mikroben unterscheiden sich von unseren evolutionären Begleitern aus ländlichen Böden, Blättern, Früchten und Tieren, erklärt Jacob Mills (University of Adelaide). Letztere trainieren unser Immunsystem, unterstützen Verdauung, Gewichtskontrolle und mentale Gesundheit.

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In Gebäuden herrscht Kälte und Trockenheit – wie ein Regenwald in der Sahara, sagt Gilbert. Überlebenskünstler darunter können resistent und pathogen sein.

Mikrobielle Hausmischung hängt von Haustieren, Teppichen, Klima und Reinigern ab. 'Desinfektion verändert Exposition – bei Viren wie Norovirus sinnvoll, aber Langzeitfolgen für Nützliches unbekannt', warnt Fierer.

Dieses Wissen treibt Probiotika fürs Zuhause voran: Gute Mikroben fördern, Schlechte verdrängen.

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Gilberts Team testet Bacillus-Sprays: Harmlos für uns, tödlich für Pathogene via Chemikalien. Auch 3D-poröse Oberflächen mit Nährstoffen für gute Bakterien – von Yogamatten bis Wänden.

Herausforderung: Optimales Gleichgewicht, ohne Schimmel oder Superbug-Risiken. 'Feines Balance', sagt Gilbert.

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Mills' Team propagiert 'Microbiome Rewilding': Einheimische Pflanzen und Tiere in Städte bringen, um gesunde Mikroben zurückzuholen – Parks verwildern für Vielfalt.

Risiken: Zoonosen wie in Pandemien. Doch Vielfalt könnte Allergien, Asthma, Diabetes mindern – bei stärkerem Immunsystem. 'Interessante Gratwanderung', meint Mills.

  • Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 369 des BBC Science Focus Magazine.