Das Atmen durch die Nase gilt seit Langem als überlegen gegenüber der Mundatmung. Der Begriff „Mundatmer“ wird seit mindestens 1915 als Schimpfwort für eine dumme Person verwendet, und Betroffene gelten oft als weniger attraktiv. Doch unabhängig von Ästhetik und Intelligenz hat die Atmungsweise echte Auswirkungen auf Ihre Gesundheit – von den Zähnen bis zur körperlichen Leistungsfähigkeit.
Wir sprachen mit dem renommierten Wissenschaftsjournalisten James Nestor im Instant Genius-Podcast. Als Autor des Bestsellers Breath: The New Science of a Lost Art, der für den Royal Society Science Book Prize 2021 nominiert war, erklärt er, warum wir Menschen die „schlechtesten Atmer im Tierreich“ sind, welche Folgen Mundatmung hat und wie Sie lernen können, nasenzu atmen.
Warum zählt die Art, wie wir atmen?
Unser Körper reguliert die Atmung automatisch – doch das bedeutet nicht, dass wir immer optimal atmen. „Jedes Mal, wenn wir atmen, geschieht es unbewusst. Das Problem: Wir könnten es falsch oder ineffizient tun, und das wird zur Gewohnheit“, betont Nestor. „Diese schlechte Gewohnheit begleitet uns ein Leben lang und kann zu schweren gesundheitlichen Problemen führen.“
Dies ist ein speziell menschliches Phänomen. „Wir sind die schlechtesten Atmer im Tierreich“, sagt Nestor. „Beobachten Sie Tiere in der Wildnis: Primaten atmen ruhig in den Bauch, ein Gepard bei 100 km/h behält die nasale Atmung bei.“
Auch unsere Vorfahren atmeten anders. Ein Vergleich alter Schädel mit modernen zeigt alarmierende Unterschiede. Nestor besuchte die Morton Collection an der University of Pennsylvania, die weltweit größte Sammlung vorindustrieller Schädel aus aller Welt. „Jeder einzelne hatte perfekte, gerade Zähne. Schiefe Zähne sind ein modernes Problem, verursacht durch kleinere Kiefer. Das führt zu engeren Atemwegen und Atemstörungen.“
Warum ist Nasenatmung gesünder?
Luft ist nicht gleich Luft – die Nase verändert sie grundlegend. „Beim Nasenatmen wird die Luft durch komplexe Strukturen gepresst: Sie wird erwärmt, befeuchtet, filtriert und angereichert“, erklärt Nestor. „So gelangt sie effizienter in den Blutkreislauf. Wir nehmen bis zu 20 % mehr Sauerstoff auf.“
Eine Studie von 1996 belegt: Bei Training rein durch die Nase sinkt die Atemfrequenz, die Ausdauer steigt deutlich – und es fühlt sich leichter an.
Die Nase filtert zudem Allergene via Nasenhaare – eine 2011er-Studie zeigt, dass Heuschnupfenpatienten mit dichten Nasenhaaren seltener Asthma entwickeln. In der Nasenhöhle fangen Schleim und Zilien Staub, Bakterien und Viren. „Die Nase ist unsere erste Immunabwehr“, sagt Nestor.
Können Sie Nasenatmung lernen?
Bei strukturellen Problemen wie einer schiefen Nasenscheidewand oder Polypen: Arzt konsultieren, ggf. Operation oder Steroide.
„Für die meisten ist es Gewohnheit“, meint Nestor. „Die Nase hat erektiles Gewebe, das sich anpasst: Wenig Nutzung schließt es, regelmäßige aktiviert es. Es gilt ‚Use it or lose it‘.“
Der Einstieg ist hart – oft 4 Wochen bis Monate. Doch danach verbessern sich Leistung und Erholung. Tagsüber: Mund bewusst schließen. Nachts: Lippen mit chirurgischem Tape verschließen. „Eine Stanford-Forscherin empfiehlt es allen Patienten. Es revolutioniert meinen Schlaf – und Tausende berichten dasselbe.“
Zeichen für Mundatmung nachts: Trockener Mund, Durst, Mundgeruch, Schnarchen. Nutzen Sie einen Schlaftracker, um Qualität zu prüfen – Mundatmung raubt oft tiefe Erholung.