1950 lebten 746 Millionen Menschen in städtischen Gebieten. Bis 2014 waren es 3,9 Milliarden oder 54 Prozent der Weltbevölkerung. Laut UN-Prognosen werden bis 2050 66 Prozent aller Menschen in Städten leben.
Städte bieten immense Vorteile: Sie konzentrieren effizient Wirtschaft, Bildung und Forschung. Bei guter Planung entstehen sogar erhebliche Umweltvorteile.
Städte bringen uns in intensiven Kontakt mit anderen Menschen – und wir suchen diesen Kontakt instinktiv. Doch während wir Städte lieben, reagieren Körper und Gehirn immer positiv darauf?
Unsere Metropolen werden mit höheren Raten von Asthma, Herzkrankheiten, Diabetes, Krebs bei Kindern sowie psychischen Störungen wie Depressionen und Schizophrenie in Verbindung gebracht.
Die Erforschung dieser Zusammenhänge lässt sich besonders gut an der Schizophrenie untersuchen – einer der mysteriösesten Erkrankungen der Medizin.
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Was ist Schizophrenie?
Schizophrenie betrifft etwa 1 Prozent der Weltbevölkerung im Laufe des Lebens. Ursachen sind weitgehend unbekannt, sie tritt häufiger bei Männern auf.
Symptome beginnen subtil im Kindesalter mit Veränderungen im Denken und Verhalten – oft erst rückblickend erkennbar.
Die meisten dieser Kinder entwickeln keine Störungen. Dennoch deuten die Anzeichen auf eine abweichende Gehirnentwicklung hin, möglicherweise schon pränatal.
Erste klare Symptome zeigen sich in der Pubertät: Angst, Reizbarkeit, sozialer Rückzug oder ungewöhnliche Ideen. Diese treten bei vielen Jugendlichen auf und sind kein sicheres Krankheitszeichen.
Bei starkem Auftreten signalisieren sie jedoch ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen.
Klassische Symptome umfassen Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Denkstörungen sowie "negative" Symptome wie Motivationsverlust und sozialer Rückzug.
Was verursacht Schizophrenie?
Trotz intensiver Forschung bleibt Schizophrenie ein medizinisches Rätsel. Sie beschreibt eine Symptomgruppe, keine einheitliche biologische Erkrankung – im Gegensatz zu Diabetes oder Tumoren, die objektiv diagnostizierbar sind.
Es gibt Hinweise auf eine gestörte Dopamin-Regulierung; andere Neurotransmitter sind wahrscheinlich beteiligt. Genetik spielt eine Rolle, doch viele Betroffene haben keine familiäre Belastung.
Umweltfaktoren sind entscheidend. Hier kommen Städte ins Spiel.
Schizophrenie und der urbane Effekt
Weltweite Studien zeigen: Schizophrenie ist in Städten häufiger als auf dem Land.
Frühe Forschungen (1960er/70er) erklärten dies teilweise durch "Urban Drift": Betroffene ziehen in Städte wegen Hilfe. Doch dieser Effekt reicht nicht aus.
Methodisch robuste Studien bestätigen ein echtes, dosisabhängiges Risiko: Je urbaner die Umgebung bei Geburt und Aufwachsen, desto höher das Risiko – von 1 auf ca. 2 Prozent.

Dieses konsistente Muster deutet auf einen städtischen Faktor hin, der Gehirnentwicklung beeinflusst.
Welche Faktoren verbinden Städte und Schizophrenie?
Mögliche Erklärungen: Infektionen in der Schwangerschaft, Toxoplasmose durch Katzen, Luftverschmutzung oder Vitamin-D-Mangel – bisher unbewiesen.
Sozioökonomische Faktoren, Cannabis oder Geschwisterzahl sind ausgeschlossen.
Überzeugend: "Desorganisation der Gemeinschaft". Migranten aus kleinen Minderheiten haben höheres Risiko – der Puffer-Effekt kleiner Gruppen schützt nicht.

Der Einfluss von Stress
Schizophrenie hängt mit gestörter Stressreaktion zusammen, messbar am Cortisol-Spiegel. Chronischer Stress schädigt das Gehirn.
In Städten verstärkt Kriminalität, Fragmentierung und Isolation diesen Effekt.
Eine Studie von Duke University und King's College London (Schizophrenia Bulletin, 2016) mit über 2.000 Zwillingen bestätigt: Weniger sozialer Zusammenhalt und Viktimisierung erklären Teile des urbanen Risikos.

Es sind nicht Städte per se, sondern soziale Dynamiken darin.
Behandlungen und Risikofaktoren
Pharmako-, Psycho- und Sozialtherapien helfen, sind aber kein Heilmittel. Besserer Erfolg erfordert Verständnis der Ursachen.
Risikofaktoren wie Gene, Migration, Stress und Urbanität interagieren komplex. Schizophrenie umfasst möglicherweise mehrere Unterformen.
Städte spiegeln diese Komplexität wider – faszinierend und herausfordernd zugleich.
- Dieser Artikel erschien erstmals in Ausgabe 298 des BBC Science Focus Magazine.
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