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Klimawandel macht Dehydration zur tödlichen Nierenerkrankungs-Epidemie in El Salvador

In den Zuckerrohrfeldern bei Tierra Blanca in El Salvador klettert das Thermometer um 10 Uhr bereits auf 31 °C. Die Arbeiter sind im Morgengrauen eingetroffen: Männer und Frauen, Jung und Alt, in dicken Jeans, langärmligen Hemden und Gesichtstüchern zum Schutz vor der sengenden Sonne. Sie huschen flink zwischen den Reihen hindurch, bücken sich, greifen zu, schneiden und trimmen, um die Ernte in den kommenden Wochen vorzubereiten. Im spärlichen Schatten hängen alte Pepsi- und Fanta-Flaschen mit Wasser an Ästen – unberührt. Die Arbeiter atmen nur die dicke, heiße Luft und pausieren erst mittags, wenn ihre Schicht endet.

Zu ihnen gehört der 25-jährige Jesús Linares. Sein Traum war es, Sprachlehrer zu werden, doch wie viele salvadorianische Kinder musste er früh arbeiten, um seine Familie zu unterstützen. Mit acht Jahren lernte er, sich in den hohen Stöcken zu verstecken, wenn die Polizei nach Kindern suchte. Seitdem hütet er vormittags Zuckerrohr und nachmittags Schweine bis in die Dämmerung. Abends hört er Englisch-Audioprogramme oder liest Bücher, doch seit einem Jahr ist er zu erschöpft dafür. So müde, dass er vor Monaten die Klinik in Tierra Blanca aufsuchte. Bluttests zeigten: Frühes Stadium einer chronischen Nierenerkrankung.

In der Region Bajo Lempa ist das eine vertraute Geschichte. Neuere Studien deuten an, dass bis zu 25 Prozent der rund 20.000 Einwohner an chronischen Nierenerkrankungen leiden. Landesweit ist Nierenversagen die häufigste Krankenhaustodesursache bei Erwachsenen. Üblicherweise verursachen Bluthochdruck und Diabetes solche Erkrankungen, doch bei zwei Dritteln der Patienten in Bajo Lempa fehlen diese Risikofaktoren. Die Ursache bleibt rätselhaft.

Wissenschaftler haben Muster identifiziert: Betroffen sind vor allem Männer in heißen, feuchten Gebieten mit körperlich harter Outdoor-Arbeit wie Landwirtschaft, Fischerei oder Bauwesen. Dehydration löst typischerweise akute Nierenschäden aus, die durch Flüssigkeitsaufnahme reversibel sind – nicht diese chronische Form. Offen bleiben zwei Fragen: Was löst sie aus, und wird sie sich mit der globalen Erwärmung ausbreiten?

In den letzten zwei Jahrzehnten strömen in El Salvador immer mehr Patienten in Kliniken, die oft an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Viele ohne Behandlungsmöglichkeit kehren heim – um zu sterben.

„Es ist ein stilles Massaker“, sagt der salvadorianische Nephrologe Ramón García-Trabanino.

Klimawandel macht Dehydration zur tödlichen Nierenerkrankungs-Epidemie in El Salvador

Im Hospital Nacional Rosales in San Salvador teilen alle Patienten dieselbe Geschichte: Bis vor drei Monaten waren sie gesund. Die meisten waren nie beim Arzt gewesen und ignorierten frühe Symptome. Der Wendepunkt kam, als sie zu schwach zum Arbeiten waren.

Harte Arbeit prägt die salvadorianische Kultur. Im Bürgerkrieg (1980–1992) verfolgten die Streitkräfte eine verbrannte-Erde-Strategie gegen die ländliche Bevölkerung. Zehntausende starben, ein Viertel floh. Nach dem Frieden parzellierten Genossenschaften und Unternehmer das Land. Überlebende mussten hart ackern, um Armut und Naturkatastrophen zu meistern.

Klimawandel macht Dehydration zur tödlichen Nierenerkrankungs-Epidemie in El Salvador

Mit 8.124 Quadratmeilen ist El Salvador winzig, doch reich an Küsten, Bergen und fruchtbaren Ebenen dank vulkanischem Boden. 23 Vulkane wachen über Städte und Hochebenen. 2013 spuckte der Chaparrastique-Vulkan in San Miguel Asche und Rauch.

Vulkane sind nicht die einzige Gefahr. Auf der Karibik-Cocos-Plattengrenze ist das Land hochseismisch. 2001 töteten zwei Erdbeben nahe San Miguel über 1.000 Menschen und beschädigten fast 300.000 Häuser.

Solche Bedrohungen stärken den Willen zur harten Arbeit. Viele Arbeiter leugnen Krankheit sogar vor sich selbst. Doch Nierenerkrankungen schleichen sich ein: Sie zerstören eine Niere unbemerkt. Im Endstadium landen Patienten in der Notaufnahme – und sterben.

1998 begann García-Trabanino sein Stipendium im Rosales-Hospital. Statt vielfältiger Fälle sah er nur Männer im schnellen Nierenversagen. Sie überfluteten Betten und Korridore. „Mit veralteter Dialyse überlebten manche eine Nacht, einen Tag, eine Woche“, erinnert er sich. Die meisten starben innerhalb eines Monats. Niemand zählte die Fälle – bis er und ein Kollege 200 Tote an der Tür registrierten. Das Gesundheitsministerium reagierte nicht, doch Medienaufmerksamkeit folgte.

Klimawandel macht Dehydration zur tödlichen Nierenerkrankungs-Epidemie in El Salvador

Küstengemeinden berichteten von jahrelangen Mysterientoden junger Gesunder. Alle zwei Wochen Verbrennungen. Heute zählt das Hospital 1.000 Fälle, monatlich +30. „Wir haben Ressourcen nur für die Hälfte“, sagt Nephrolgie-Chef Ricardo Leiva. Dialysewartelisten sind lang; Peritonealdialyse mit Bauchkathetern – eine veraltete Methode – rettet Leben.

In Tierra Blanca erzählt 60-jährige Juan Pablo Paniagua, wie die Krankheit ihn überraschte. Jahrzehntelang Maisfelder und Fischerei, dann ein schleichendes Verfallen ohne Schmerz. Nach 2,5 Jahren teurer Dialyse (120 USD/Sitzung) lernte er Heimbehandlung. „Mit Dialyse ging es mir besser.“

Der 32-jährige Lkw-Fahrer José Luis Morales aus dem Nieren-Hotspot Chalatenango kam 2016 mit Krämpfen. Kein Diabetes, kein Hypertonus. Im Stadium 2 stabilisiert durch Medikamente. „Wir regenerieren kein Gewebe, aber schützen, was bleibt“, erklärt García-Trabanino.

Chronische Nierenerkrankung zerstört Tubuli und Interstitium – wie Toxine. Verdacht auf Pestizide scheiterte: Höher gelegene Arbeiter mit gleicher Exposition blieben gesund. Feldstudien von Mexiko bis Nicaragua bestätigten: Regionales Problem? Nein, Mittelamerika-weit.

Klimawandel macht Dehydration zur tödlichen Nierenerkrankungs-Epidemie in El Salvador

US-Nephrologe Richard J. Johnson vom Weltkongress 2011: Fructose aus Dehydration könnte schaden. Mäuseexperimente bewiesen: Hitze + begrenztes Wasser = chronische Schäden via Harnsäure. Feldtests in El Salvador: Kristalle im Urin.

Hitze treibt Fructose- und Vasopressin-Produktion. Zuckergetränke bei Rehydration verschärfen. Starke Hypothese, sagt Johnson.

Monatlich treffen sich Betroffene in Tierra Blanca. Blutdruckmessungen, Geschichten. Frühe Diagnose rettet: Sozialfonds testete 6.000, fand 1.500 Fälle, nur 100 Tote – dank Interventionen.

Johnson: Hitzewellen korrelieren mit Epidemien. Klimastudie 2016: Erste Klimawandel-Epidemie? Niere als primäres Hitze-Opfer.

Klimawandel macht Dehydration zur tödlichen Nierenerkrankungs-Epidemie in El Salvador

El Salvador: Heißere Sommer, Dürren, schrumpfende Kaffeeanbauflächen. Klimawandel verstärkt die Epidemie bei Armen. El Salvadorianer kämpfen weiter – vulkanfest, erdbebensicher.

  • Dieser Artikel wurde erstmals 2017 veröffentlicht und erschien auf Mosaic. Er wird hier unter einer Creative Commons-Lizenz neu veröffentlicht.