Als Donald Trump die Idee ansprach, Grönland von Dänemark zu kaufen, stockten seine Kritiker in den USA. Doch wie absurd war dieser Vorschlag wirklich?
Die Debatten in den USA drehten sich zunächst um die Logistik eines solchen Deals. Schnell wurde klar: Grönland, die größte Insel der Welt, ist eine halbautonome Nation, die nicht verkäuflich ist – und das wird sie auch nie sein. Dänemarks Premierminister nannte Trumps Idee treffend „absurd“ und betonte, dass selbst Kopenhagen Grönland nicht verkaufen könnte.
Dieser diplomatische Zwischenfall hat jedoch etwas Positives bewirkt: In den USA – und darüber hinaus – wurde vielen bewusst, wie entscheidend Grönland ist. Die Insel birgt nicht nur enorme Reserven an Seltenen Erden, essenziell für Elektronik, sondern liegt auch strategisch günstig nahe eines zunehmend aggressiven Russlands.
Noch wertvoller ist jedoch die Eisdecke, die rund 80 % der Insel bedeckt. Sie schmilzt alarmierend schnell und hat in den letzten zehn Jahren durchschnittlich 280 Milliarden Tonnen Süßwasser und Eisberge in den Nordatlantik gespült.
Der vergangene Sommer übertraf diese Rate: Mitte Juni und Ende Juli litt die Eisdecke unter extremen Schmelzereignissen. Temperaturen lagen zeitweise 9 °C über dem Durchschnitt, und an einem Tag verlor die Insel schätzungsweise 11 Milliarden Tonnen Eis.
Martin Stendel vom Dänischen Meteorologischen Institut berechnete: Die Verluste an nur zwei Augusttagen hätten ausgereicht, um Florida – eine Fläche wie England und Wales – mit 12 cm Wasser zu überfluten.
Die Bedrohung durch Grönlands Eis wirkt nah und fern zugleich. Faszinierende Bilder von türkisfarbenen Schmelzwasserm Seen und Flüssen zeigen nur Bruchstücke eines komplexen Ganzen.
In den letzten fünf Jahren reiste ich mehrmals von den USA nach Grönland, um seine Vergangenheit und Zukunft zu erforschen. Dort wurde mir klar: Die Geschichte der Insel ist in ihrem Eis geschrieben.

Vor Hunderttausenden Jahren häuften sich im Zentrum Schneefälle, die im Sommer nicht tauten. Sie verdichteten sich zu Eis und breiteten sich über 2.400 km Länge und bis zu 1.100 km Breite aus – in der Mitte bis 3.000 Meter dick.
Dieser Eisschild ist der letzte große Rest der Eiszeiten, die vor 20.000 Jahren Nordeuropa und Nordamerika bedeckten. Während andere schmolzen und den Meeresspiegel ansteigen ließen, hielt Grönlands Eis stand. Bislang.
Der größte Schrecken: Das Potenzial für zukünftige Überschwemmungen. Aktuell trägt es nur etwa 1 mm jährlich zum Meeresspiegelanstieg bei – ergänzt durch andere Gletscher, Antarktis-Eisberge und thermische Ausdehnung des Wassers. Doch NASA-Messungen zeigen: Grönland birgt genug Eis für einen Anstieg um sieben Meter. Studien deuten auf beschleunigende Verlustraten hin.
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Digitale Bilder suggerieren eine Kernschmelze, doch Prognosen warnen: Der Kollaps hat gerade begonnen. Bei steigenden CO2-Emissionen wird Grönlands Beitrag im 21. Jahrhundert explodieren.
Modelle zeigen: Nach 2100 wird die Schmelze katastrophal. Selbstverstärkende Effekte wie dunkler werdendes Eis durch Staub, Ruß und Algen reduzieren die Reflexion und beschleunigen das Tauen – ein Teufelskreis.
Kann die Eisdecke überleben? Viele Experten, mit denen ich sprach, sehen einen Kipppunkt nahen. In Jahrzehnten könnten Sommertemperaturen zu hoch werden. Der volle Meeresspiegelanstieg um sieben Meter braucht Jahrhunderte – doch unser Handeln jetzt entscheidet.
Während wir über einen Kauf Grönlands streiten, rückt die Eisdecke dem Point of No Return näher. Tropfen für Tropfen füllt sie unsere Ozeane. Wem die Insel gehört, ist zweitrangig – entscheidend ist ihr Schutz.