Christiana Figueres und Tom Rivett-Carnac waren Schlüsselfiguren beim Pariser Klimaabkommen 2015. In ihrem Buch Die Zukunft, die wir wählen zeichnen sie zwei gegensätzliche Zukünfte: eine mit Netto-Null-Emissionen und eine ohne.
Wir sprechen mit ihnen über die Machbarkeit von Netto-Null bis 2050 und die Welt, die das ermöglichen würde.
Was war das Pariser Klimaabkommen?
Tom Rivett-Carnac: Das Pariser Abkommen markierte einen echten Durchbruch. Lange Zeit scheiterten Verhandlungen an der Frage der Fairness.
Entwicklungsländer warfen den Industrieländern vor: „Ihr habt das Problem verursacht und versprochen, es in den 1990er-Jahren zu lösen. Macht Fortschritte, dann reden wir über ein globales Abkommen.“
Christiana Figueres: Das stimmt absolut.

TRC: Es ist ein logisches Argument. Industrieländer konterten: „Das ist Vergangenheit. Künftig kommen die meisten Emissionen von euch – wir müssen das gemeinsam angehen.“
Diese Positionen schufen jahrelang ein Patt. Die Lösung: ein langfristiges Ziel, den Klimawandel auf deutlich unter 2 °C zu begrenzen, idealerweise 1,5 °C, mit Netto-Null bis 2050. Dazu nationally determined contributions (NDCs) als schrittweise Umsetzung.
Ihr Buch betont individuelle Veränderungen. Können persönliche Handlungen wirklich etwas bewirken?
TRC: Schauen wir historisch: Bei großen Herausforderungen wie Kriegen oder Mondlandungen hätte niemand gesagt: „Ich löse das allein oder gar nicht.“
Wir müssen Emissionen in 10 Jahren um mindestens 50 % senken – das sind 7,6 % jährlich, bisher unerreicht. Viele fühlen sich überfordert. Doch wir überschätzen Ein-Jahres-Erfolge und unterschätzen Zehn-Jahres-Potenziale.
In 10 Jahren können Sie emissionsintensive Assets austauschen: Umschulung, Ernährungsumstellung, neues Auto. Persönlicher Fußabdruck allein reicht nicht – wir brauchen Druck auf Unternehmen und Regierungen.
Wir widerlegen die Hilflosigkeit: Wir sind nicht machtlos.
Wie sieht die Welt aus, wenn wir Netto-Null bis 2050 verfehlen?
TRC: Das Buch beginnt mit einer wissenschaftsbasierten Reise in diese dystopische Welt: +3,8 °C bis 2100 ohne weitere Maßnahmen.

Masken könnten normal werden durch Feinstaub. Vektorkrankheiten wie West-Nil-Fieber, Dengue und Malaria breiten sich aus.
Dieses Kapitel zu schreiben war kathartisch – es schärft den Blick und weckt Entschlossenheit, diese Zukunft für unsere Kinder zu verhindern.
Die positive Alternative: Netto-Null-Welt 2050
CF: Eine aufregende Welt für kommende Generationen: Klare Luft in Städten, fruchtbarer Boden, lebendige Ozeane.
Gebäude mit Dächern voller Gemüse, Solarpaneelen oder CO2-absorbierenden Reben. Selbstversorgend mit Energie und Wasser. Städte produzieren eigenes Essen, weniger Autos und Staus – mehr Grünflächen und Ladestationen.
Niedriggelegene Inseln überleben. Gerechter, gesünder, stabiler, wohlhabender.
Ist diese Welt realistisch?
TRC: Beide Welten sind jetzt möglich – wir stehen an der Weggabelung. Die Wahl entscheidet.
CF: Lenken Sie den Fokus: Auf Probleme oder Fortschritte? Beweise für die bessere Welt gibt es schon. Das Buch mahnt: Entscheiden Sie sich!